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Dienstag, 27. Mai 2008

Passen muss es.


„Wenn Frauen nicht sprechen, soll man sie keinesfalls unterbrechen.“ Einen solchen Satz, wie aus Stein gemeißelt, kann wohl nur Clint Eastwood von sich geben und wird dennoch von allen angehimmelt. Vermutlich hat er es ja auch nicht so gemeint. Wir alle wissen, dass es keine 30 Sekunden dauern würde, bis Mann annähme, dass die Gefährtin unter einer heimtückischen Krankheit litte, und fragte: „Liebes, ist dir nicht gut?“ – nur um dann zu hören: „Ich kann heute Abend nicht mit zur Party gehen. Ich habe kein passendes Kleid."

Bevor jemand vor Wiedererkennung schmunzelt oder gar lacht: Das ist ja wirklich keine schöne Sache, vor allem während einer Urlaubsreise, wo man nicht den gesamten Inhalt des Kleiderschranks mit sich führt; einige Stücke müssen ja immer zu Hause bleiben. Entweder hängt einem das Kleidungsstück wie ein Sack vom Leib – figurumschmeichelnd, wie der Fachmann sagt –, oder es sitzt so spack, dass man kaum Luft holen möchte, beziehungsweise kann.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Konfektion, die man schon länger besitzt, nie zu weit ist, sondern immer zu eng? Vermutlich hat das irgendwas mit diesen Kalorien zu tun, von denen man so oft hört. Und die wiederum sind Wärmeeinheiten, so dass wir vermuten dürfen: Die Verengung älterer Kleidungsstücke hat etwas mit Thermodynamik zu tun. Leider geben die Physiklehrbücher über die zu Grunde liegenden Naturgesetze keine befriedigende Auskunft. Nun ja, bis auf Marie Curie war ja auch keine Frau unter denen, die diese Dinge ausgearbeitet haben. Kein Wunder also, dass praktische Ableitungen der thermodynamischen Hauptsätze nicht existieren.

„Außerdem habe ich auch keine passenden Schuhe.“ Nun, bei genauem Hindenken kann das nicht verwundern. Wenn man kein passendes Kleidungsstück hat, gibt es ja nichts, wozu die Schuhe passen könnten. Und selbst wenn man die Farb- und Stilfrage außer Acht lässt, wird das Problem eher größer als kleiner. Wenn nämlich nur Schuhe im Regal stehen, die entweder eine Nummer zu groß oder eine Nummer zu klein sind, dann ist anmutiger Gang kaum möglich. Ich bewundere ja rückhaltlos jede Frau, die es schafft, auf Stilettos gerade zu stehen, ohne sich die Fußgelenke zu brechen – vom Gehen ganz zu schweigen. Und wenn die Dinger dann auch noch zu klein sind … oder gar zu groß?

Nun wollen wir nicht verschweigen, dass es natürlich auch möglich wäre, ohne Schuhe zur Party zu gehen. Aber überlegen Sie mal selbst: Bei dem Zeug, das die Leute, ihre Kinder und ihre Hunde heutzutage so alles auf dem Bürgersteig und in Nah- und Fernverkehrsmitteln abladen, ist das auch keine rechte Freude. Da erreicht man die Party, sieht einigermaßen gut aus (vorausgesetzt, man hat doch noch irgendeinen unscheinbaren Fummel im Gepäck gefunden), und dann sehen die baren Füße aus wie ein umgestülpter Horror-Mülleimer. Beklebt mit Kaugummis, gespickt mit Kanülen, triefend von Bierresten, paniert mit Zigarettenkippen; alles in Allem kein schöner Anblick.

Zusammenfassend kann man also durchaus feststellen, dass passende Sachen sehr hilfreich sind. Was nutzt es, wenn man sich 500.000 Euro für eine Maybach-Limousine zusammenspart, und dann ist die Garage um 2,20 Meter zu kurz?
Nein, nein, Passgenauigkeit ist schon wichtig. Das ist mir kürzlich noch einmal richtig klar geworden, als ich im Sportteil der Tageszeitung las: „Der dreimalige deutsche Meister im Springreiten, René Tebbel (39, Emsbüren), verzichtet auf die Titelverteidigung bei den deutschen Meisterschaften Anfang Juni, da er kein passendes Pferd hat.“

Ein weiser Mensch. Überlegen auch wir mal kurz: Wenn das Pferd zu breit ist, fällt man dauernd herunter, weil man sich mit den Beinen links und rechts nicht festhalten kann. Ist das Pferd zu schmal, hält man den gesamten Umlauf nur unter Pein durch, zumal als Mann. Ist das Pferd zu hoch, kann man nicht aufsteigen. Ist es zu niedrig, erreichen die Füße des Reiters den Boden und er muss selber springen und das Pferd dabei mit über den Oxer hieven. Ist das Pferd zu kurz, steht der Sattel hinten über und von Stabilität kann keine Rede mehr sein; ist das Pferd zu lang, passt es spätestens in der Dreierkombination nur noch quer zwischen die Hindernisse. Dann ist an einen ordnungsgemäßen Sprung überhaupt nicht zu denken.

Nein, nein, Herr Tebbel hat genau richtig entschieden. Das muss man sich nicht antun. Da haben die Damen schon Recht: Passen muss es.

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© Julius Moll

Samstag, 5. Mai 2007

Weg, in Sizilien


Wir waren Weihnachten wieder in Sant’Ambrogio auf Sizilien. Es war ein schöner Urlaub. Nein, Fotos habe ich keine. Ich hatte den Apparat vergessen. Den neuen. Der alte ist ja kaputt. Wir sind zusammen gefahren, mit Manni und Ute. Ute hat zwei Kinder. Auf die Große können sie stolz sein, Ute und ihr Mann. Die jüngere wollte Ute gar nicht bekommen, aber dann …
Manni ist Frauenarzt. Ute lebt mit ihm und ihren beiden Töchtern in einem großen Haus gemeinsam mit seinen (also Mannis) Eltern unter einem Dach. Wir fahren alle zusammen, natürlich jeder in seinem Auto. Im Urlaub, meine ich. Und immer nach Sant’Ambrogio, das ist ganz abgelegen und es gibt dort keine Touristen. Wir gehören schon fast zu den Einheimischen.

Doch einen Tag nach ihrem 16. Geburtstag war Renate plötzlich verschwunden. Renate ist die jüngere Tochter, hatte ich das erwähnt?
Es war ein furchtbarer Tag. Es stürmte und regnete junge Hunde.
An diesem Tag ist schon eine Frau aus dem Dorf verunglückt, sie ist hingefallen. Durch den Regen war die Straße aber auch so glatt wie eine Schlittschuhbahn.
Die Straßen in Sant’Ambrogio sind fast alle gepflastert, das macht die Sache noch schlimmer – oder schöner, bei Sonne zum Beispiel.

Als Ute vom Strand kam – Ute geht im Urlaub jeden Tag an den Strand, warum auch immer, aber das tut hier nichts zur Sache –, als sie also zurück in das Ferienhaus kam, da dachte sie, Renate wäre oben in dem kleinen Dachzimmer. Die Mädchen hatten ein Dachzimmer, bei Sonnenschein viel zu warm. Nicht an diesem Tag, denn es regnete ja. Ute dachte also, Renate ware oben und würde zum Beispiel lesen. Oder Musik hören. Oder irgendwas anderes machen.

Genaugenommen weiß ich nicht, was Ute dachte. Sie hat nur erzählt, sie hätte gedacht, Renate wäre oben in dem besagten Zimmer.
Doch dem war nicht so.

Manfred, den alle immer Manni nennen (natürlich nicht seine Patientinnen, und von den Sprechstundenhilfen nur Frau Hafermann, aber die ist ja schon über 40), wollte Renates große Schwester Heike an diesem Nachmittag ja abholen. Zu Fuß. Sie war in der Eisdiele. Aber bei dem Wetter … also ging Ute selber los.
Doch sie traf Heike nicht an der Eisdiele. Sie sei angeblich schon nach Hause gegangen. Aber das stimmte auch nicht. Nur wusste das keiner.
Mehr als seine Stunde suchten sie nach ihr. Ohne Erfolg.

Es wurden verschiedene Vermutungen aufgestellt. Erst dachte man, Heike sei nach Hamburg gefahren oder nach England. Weil ihr geliebtes Pferd Fury abgeholt wurde. Aus Hamburg, nach England.

Warum das geschehen sollte, weiß ich auch nicht. Vielleicht sollte ich Ute mal fragen. Ist ja komisch, ein Pferd abholen zu lassen, wenn man gar nicht da ist. Aber vielleicht habe ich da auch was falsch verstanden.

Dann vermutete man eine Entführung durch die verrückte Anita. Anita ist eine ganz harmlose Person, sie ist nie aus Sant’Ambrogio herausgekommen. Fast jedenfalls. Na gut, sie hat ihren Mann und seine Mutter umgebracht. Aber wenn man die beiden kannte, dann zeugt diese Tat eher von Scharfsinn, Weitsicht und einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. Sie hat ja auch zwei Jahre dafür gesessen, in Palermo, glaube ich. Das haben mir die Einheimischen erzählt.

Die Familie wurde sogar noch mit verrückten Anrufen verwirrt. Mindestens mit einem.
„Verwählt“ soll der Mann in das Telefon gekeucht haben, mit verstellter Stimme, oder er hatte ein Taschentuch über die Sprechmuschel gelegt. Obwohl das gar nichts nützt, glaube ich. Als ich Frau Schonfleger angerufen habe wegen des Drecks vor der Garage, da hat sie mich sofort erkannt. Trotz Taschentuchs. Na ja, Ute kann kein Italienisch. Sie meint, es habe sich so angehört, als hätte der Anrufer etwas gesagt, das wie „verwählt“ auf Italienisch klang.

Ute war mit den Nerven total fertig. Die italienische Polizei stellt meist nur alte Vermutungen neu zusammen und unterstellt Touristen auch noch, dass sie ihre Kinder nicht gut erziehen. Ich kann nicht viel Italienisch; ich habe einen Kurs in der Volkshochschule gemacht, und manchmal verstehe ich auch nicht jedes Wort.
Wir haben die Polizei ja auch komplett rausgehalten. Aber wir hätten sie sicher noch angerufen, am Abend zum Beispiel.

Ute nahm dann ihre Füße in die Hand, und das Herz und die ganze Sache und fand sie dann oben in dem Dachzimmer. Die Mädchen hatten sich ja das Zimmer geteilt im Urlaub. Für eine Woche, da geht das ja mal. Man konnte ja nicht damit rechnen, dass es die ganze Zeit regnet. Heike war die ganze Zeit oben gewesen. Renate nicht, aber wo die an dem Nachmittag steckte, das habe ich bis heute nicht rausbekommen. Ich muss sie mal fragen bei Gelegenheit. Abends kam dann die Sonne wieder raus; es ist einfach herrlich, dort in Sant’Ambrogio.

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©2007 Harnfried Schoßmüller-Knappentropf

Mittwoch, 28. März 2007

Right to the point


Schon mal eine Fußreflexmassage gehabt? Heißt das überhaupt Fußreflexmassage? Wie auch immer. Jedenfalls hatte ich meine erste in Singapur. Eigentlich bin ich ja etwas skeptisch, was diese asiatischen Gesundheitsmethoden betrifft. Ich bin einfach der festen Überzeugung, dass man jemanden nicht mit Nadeln pieksen sollte oder ihm die Hände klatscht, bis sie rauchen. Oder was die hier sonst so veranstalten, um sich wieder auf Vordermann zu bringen. Aber Fußreflexmassage? Das klingt entspannend. Was kann da schon schief gehen?

„Ich habe gehört, in Deutschland machen sie auch Fußmassagen“, sagt er, „aber sie machen es nicht richtig.“
„Nicht?“
„No, but here we go right to the point!“
Na, wenn’s so ist, denke ich mir – schließlich kommt der gute Mann aus Asien, und die müssen’s ja wissen.
„Können wir auf Sport umschalten?“ frage ich, weil im Massageraum ein Fernseher läuft.
„Klar.“

Er schaltet um: Poolbillard. Weltmeisterschaftsfinale. Ein Deutscher gegen einen Finnen. Ich lehne mich zurück, mache es mir gemütlich. Er schnappt sich meinen linken Fuß, cremt in ein, und ich denke: He, so kann’s weitergehen, tolle Sache, Fußreflexmassage. Vielleicht hätte ich vorher fragen sollen, was er eigentlich mit „right to the point“ meint …

Er bohrt sich mit seinen Stahlfingern in meinen Fuß, dreht ihn, knickt ihn, wringt ihn förmlich aus, während ich mit weit aufgerissenen Augen und einem stummen Schrei auf den Lippen auf ihn herabschaue.
„Auaaaaa! That hurt’s!“
„Yeah, that’s good …“
Fünfundvierzig Minuten geht das so, und weil er gerade einen Lauf hat, bekomme ich eine Hufschmied-Schulternmassage gratis.
„And?“ fragt er zufrieden. „How does it feel?“
„Good“, sage ich und schleiche aus dem Laden.

Wann werde ich endlich schlau und lasse einfach mal die Finger von Sachen, von denen ich nichts verstehe? Ich werde nie wieder richtig laufen können, nur weil ich mal wieder auf einen sadistischen Quacksalber hereingefallen bin.

Draußen bleibe ich vor einer Schaufensterscheibe stehen und sehe mit mit aufgeklapptem Mund hinein: Fußreflexmassage. Angeboten von einer hübschen und überaus zarten Thai. Sie massiert einer Kundin die Füße. Auch right to the point. Denn die lächelt selig ... im Schlaf.

Donnerstag, 22. März 2007

Froschfreunde.



Manchmal kommt man wirklich auf komische Ideen. Da saß ich doch vor einiger Zeit mit meinem Freund Jens zusammen, weil wir eine Caravan-Tour unternehmen wollen. Um die Sache ein bisschen aufzupeppen, entschieden wir, dass ein Würfel an jeder großen Kreuzung entscheiden sollte, wohin die Fahrt geht: 1 und 2: geradeaus; 3 und 4: rechts; fünf und sechs: links.

Und um die Sache noch ein bisschen mehr aufzupeppen, wollten wir zwei Fremde als Mitreisende. Also haben wir eine Anzeige geschaltet, und tatsächlich haben sich zwei telefonisch gemeldet: Konni, ein latent aggressiver Yoga-Taliban und Rita, eine gut gelaunte, aber von Alzheimer geschüttelte Rentnerin.

Der Kontakt mit Rita war einfach: Sie war begeistert und wollte sich zur Verfügung halten. Der Kontakt zu Konni schon etwas schwieriger. Wir sprachen uns gegenseitig auf Band. So lernte ich Konni von seiner warmherzigen Seite kennen: eine Stimme, die jeden Satz mit "ne" enden ließ (Hallo, ich bin der Konni, ne), die säuselig komplimentierte (du bist so aufmerksam und sympathisch) und die ein so tiefes Verständnis für jedes Ding im Universum versprach, dass ich in Gedanken den Caravan schon mal mit Raumfrisch sprayte.

Vielleicht hätte mich stutzig machen sollen, dass Konni von spirituellen Bewusstseinsabenteuern sprach und bei seiner Spurensuche bereits bis an die Quellen der ältesten Hochkulturen der Welt gekommen war. Ich dachte ja eher an eine Reise durch das Elsaß, aber bitte: Jemand wie Konni würde die Tour sicher bereichern, zumal er mir auf Band schon seine ganz besondere spirituelle Freundschaft anbot.

Irgendwann hatten wir uns dann endlich am Telefon. Obwohl Konni eine Woche Power-Yoga im Hochsauerlandkreis hinter sich hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass ihn das nicht entspannt hatte. Er wurde kratzbürstig, als ich ihm vorschlug, dass wir uns in einem Café treffen sollten, weil das keine „konsumfreie Zone“ war. Richtig garstig wurde er dann, als ich ihn darauf hinwies, dass er sich an den Kosten der Tour beteiligen musste. Er war davon ausgegangen, dass ich ihn einladen würde, schließlich waren seine finanziellen Verhältnisse „ein totales Desaster“.

Und da er gerade so schön wütend war, hat er mir dann erklärt, welches Leben ich führte und welches er, denn Yoga-Konni schwebte wie ein Adler durch die Sphären der Erleuchtung, wohingegen ich wie ein Frosch in einem Brunnen hockte und nichts als Mauern sehen würde. Genau wie alle anderen, die mich umgaben: Bekannte, Verwandte und Freunde.
„Wenigstens hab ich welche“, antwortete ich knapp.
„JA, FROSCHFREUNDE HAST DU! FROSCHFREUNDE!“ kreischte Konni empört.
Während er dann in langen Monologen über fernöstliche Weisheitsschätze dozierte und auch das Universum und den ganzen Rest darin einschloss, überlegte ich mir, ob meine Freunde eher wie Frösche oder wie Adler aussahen. Ehrlich gesagt kam ich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Ich hatte einen Teddy im Angebot, und das auch nur sehr vage, und wollte fragen, ob der auch zähle, als ich bemerkte, dass ich schon aufgelegt hatte.

Jedenfalls rief ich noch Rita an, um ihr mitzuteilen, dass wir nur noch zu dritt sein würden.
„Woher haben Sie meine Nummer?“ fragte sie misstrauisch.
„Ähm, Rita, wir haben schon zweimal telefoniert.“
„Haben wir nicht.“
„Wir wollten mit dem Caravan ...“
„Hören Sie auf, solche Sachen zu sagen, junger Mann. So was mache ich nicht.“
Dann legte sie auf.
Wir sind dann nicht gefahren. Caravanreisen werden ohnehin überschätzt.

Sonntag, 18. März 2007

Winterurlaub im Kitschtal



Abreise war ja am Freitag. Geplant. Am Samstagmittag gings dann los, sie hatte ja auch inzwischen noch einen Skianzug gefunden. Obwohl die Saison ja schon vorbei ist.
Dennoch, im Schlussverkauf. Aber kaum angekommen: Sudden death of Tante. Also zurück. Wäre sowieso nicht so toll gewesen, der ganze Schickimickikram mit Ski und Schnee und was-weiß-ich.
Tante wohnte in Gelsenkirchen. Das bleibt jetzt auch so, weil sie sich ja dort schon eine Grabstätte reserviert hat. Um die kümmere ich mich jetzt an meinem dritten Urlaubstag.
Die bessere Hälfte muss mit dem Pfarrer sprechen. Inzwischen schaue ich mir Gelsenkirchen an. Das war auch ihre Idee.
Gelsenkirchen: Wenn man eine Stadt nicht kennt, schaut man halt in den Reiseführer. Für Gelsenkirchen gibt es aber keinen Reiseführer. Aber es gibt ein Ordnungsamt. Und eine topaktuelle Untersuchung der Abteilung für Stadtmarketing, wie ich dann auf dem Ordnungsamt erfahre.
Kurz zusammengefasst bewerten die Passanten die Orientierung in der Stadt und auch die Beleuchtung insgesamt positiv. Die Einkaufszone wird aber eher als abstoßend, provinziell, langweilig, öde, heruntergekommen und teuer bewertet. Welche andere Stadt kann das von sich behaupten?
Vor dem Ordnungsamt werfe ich ein paar Münzen in den Wunschbrunnen. Durch das Fenster schaue ich den Beamten beim Spielen zu. Sie haben ein neues Grafik-Adventure von Microsoft auf den Behörden-Monitoren laufen, es heißt Vista oder so. Der anscheinend eher weibliche Behörden-Computer kommentiert anscheinend weitschweifig jede geringe Kleinigkeit.
Alles wie zuhause.
Auch meine Heimatstadt Chemnitz gilt, wenn man Zeitungsberichten glauben darf, vielfach als öde und langweilig. Aber ich bin ja in Gelsenkirchen. Da kommt man in die Hölle und merkt erst nach Tagen, dass man gar nicht zu Hause ist.
Aus einem Blumenkasten tropft mir auf dem Weg zu Tantes Haus braune Gelsenkirchener Brühe auf meine weiße Fallschirmseidenjacke. Ich meine, einen Schutz gegen alles Mögliche gibt es nicht. Es können auch Dachziegel oder Äste runterfallen und Passanten treffen. Kein Grund, Blumenkästen zu verbieten. Ich glaube, das Landgericht München hat das auch schon mal so entschieden.
Na ja, die Jacke ist hin. War meine Lieblingsjacke, hinten drauf steht „Urlaub im Kitschtal“.

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©2007 Harnfried Schoßmüller-Knappentropf