Montag, 30. Juli 2007

Das Zufallsreisebüro


Als Harnfried den Vorschlag erstmals machte, war ich misstrauisch. Ein Zufallsreisebüro zu gründen war nichts, worüber ich vorher intensiv und lange nachgedacht hätte. Wieso auch? Wenn ich verreise, weiß ich eigentlich gerne, wohin. Aber auf den zweiten Blick gewann die Idee an Attraktivität. In einer Zeit, in der die Menschen gelangweilt vom Überfluss nach immer neuer und abenteuerlicher Kurzweil suchen, muss man auch mal unkonventionelle Geschäftsideen vorurteilsfrei prüfen.

„Und wie soll das genau funktionieren?“
„Ganz einfach: Wer eine Zufallsreise buchen will, sagt, wann und wie lange er verreisen will, und bezahlt. Art und Ziel der Reise wird dann mit einem Zufallsgenerator aus dem Gesamtangebot aller Reiseanbieter ausgesucht. Frei nach dem Motto: Wir buchen, Sie fluchen!“
Das hörte sich noch irritierender an, als ich zunächst gedacht hatte, und es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich seinem Drängeln nachgab. Hätte ich es besser nicht getan. Knapp drei Monate später hatten wir schon einen Sack voll Klagen am Hals.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Im Prinzip ist die Idee toll. Aber wir haben ein paar Anfängerfehler gemacht, die sich schnell rächen sollten. Da war zunächst das Rentnerehepaar, das von den jahrelangen, nein, jahrzehntelangen Urlauben in der holsteinischen Schweiz – Wassertreten in Malente, Pferdestallbesuche in Gremsmühlen und so weiter – genug hatte und auf die alten Tage noch mal in die Ferne schweifen wollte. Eine zweiwöchige Canyoning-Tour durch die Wasserfälle im Zentralkaukasus jedoch ging über ihre Kräfte und reaktivierte einen längst vergessenen Bandscheibenvorfall, hinter dem sich sogar der beidseitige Kreuzbandriss der Ehefrau verstecken konnte. Dass sie uns das Fehlen einer flächendeckenden medizinischen Versorgung anlasten wollten, nun ja, das spricht für sich selbst. Im Zentralkaukasus! Da gibt es überhaupt keine Häuser, um eine Arztpraxis unterzubringen, geschweige denn irgendwelche Straßen, über die der Arzt vom nichtexistenten Haus zu den Patienten gelangen könnte.

Im Falle des unter Asthma leidenden Mittvierzigers, der auf Rat seiner Schwiegermutter zunächst einen Aufenthalt in der Klutert-Höhle in Ennepetal buchen wollte, sind die Dinge dann zugegebenermaßen ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Harnfried hatte sich alle Mühe gegeben, den Mann von der Idee des Zufallsreisens zu überzeugen, und im Grunde genommen offene Türen eingerannt. Vermutlich hatte der Ärmste genug von den Ratschlägen seiner Schwiegermutter. Und dann erwischte er diese wunderbare Zehntagesreise mit einer der herrlichsten Eisenbahnen der Welt – von Arica nach La Paz. Immer die Anden hinauf, bis auf fast 5000 Meter Höhe. Die Fahrt über die salzbedeckte Hochebene gehört zum Eindrucksvollsten, was man sich als Reisender erträumen kann – vorausgesetzt, man leidet nicht unter Asthma. Wenn die Waggons wenigstens Fenster gehabt hätten. Dann wäre dem Mann der scharfe, salzgesättigte, trockene Wind erspart geblieben, den die Einheimischen „La Lija de Dios“ nennen, das „Sandpapier Gottes“.

Sie werden fragen, warum wir nicht wenigstens dafür gesorgt haben, dass während des sechsstündigen Aufenthalts an der Station La Desesperación, malerisch mitten auf der Hochebene gelegen, ein Medikopter den Atemwegsgepeinigten aus der Höhe und den Klauen von La Lija de Dios errettet. Nun, das hat etwas mit Physik zu tun. In diesen Höhen tragen Hubschrauber nur mehr bedingt. Krankenwagen könnten zwar theoretisch fahren, aber ich bitte Sie! Woher hätte ein solcher herbeikommen sollen? Aus Santiago de Chile etwa? Die Situation war eben einfach verfahren.

Apropos verfahren: Das ist ja ein Aspekt, den man nicht verkennen sollte. Verfahren kann man sich ja nur, wenn man weiß, wohin man eigentlich will. Bei Zufallsreisen ist das nun eben nicht der Fall. Und da kann man gegen das Prinzip sagen, was man will, eines steht fest: Verfahren in diesem Sinne kann man sich auf einer Zufallsreise nicht. Man spart sich daher alle guten Ratschläge der Beifahrer/innen, was ja allein schon einen gewissen Urlaubseffekt bewirken kann.

Und damit Sie nicht denken, jede gebuchte Reise sei ein Reinfall gewesen, möchte ich noch dies erwähnen: Einem Oberstudienrat und seiner Frau war ein einwöchiger Bildungsurlaub zugelost worden. Es handelte sich um ein wirklich schönes Paket von El-Nino-Reisen: „Überflüssige Klischees: Tauchen zwischen Piranhas“, ein Reisetipp der Volkshochschule Tuttlingen. Übernachtung in einem verlassenen Kopfjägerdorf in stilechten Pfahlbauten direkt im Sumpfgebiet; alle Visa und Impfungen inklusive. Der Oberstudienrat kehrte glücklich und zufrieden zurück – und zwar alleine. Das Klischee hatte nicht getrogen. Vermutlich rein zufällig.

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©2007 Julius Moll

Sonntag, 29. Juli 2007

Astralreisen


Nachdem im Februar ja die Waschmaschine kaputtgegangen war und im April ein Rabauke den Außenspiegel des VW-Golf abgefahren hatte, war sonnenklar: Der Sommerurlaub im Allgäu stand gehörig auf der Kippe. Ohne Waschmaschine ist das Leben quasi wertlos, und Inge musste schließlich einsehen, dass die allgemeine Verkehrssicherheit ohne Außenspiegel nicht zu gewährleisten war. Die Rettung zeichnete sich aber völlig überraschend in der vorletzten Woche ab, als ich nach einem Bier und ein oder zwei Korn versehentlich in die Buchhandlung abbog (die haben da die gleiche Haustür wie ich zu Hause).

Mehr aus Mitleid kaufte ich irgendwas preiswert Aussehendes aus einem zufällig auftauchenden Grabbelkorb und verschwand schleunigst; glücklicherweise, ohne peinliche Fragen beantworten zu müssen. Erst am Samstag fiel mir mein Kauf wieder in die Hände. Ich konnte den Rasen bei nasskalter Witterung unmöglich mähen, und das Schlafzimmer war wegen Staubsaugens gesperrt. Ich blätterte in dem Buch über Astralreisen, bis mir plötzlich die Schuppen von den Augen und das Buch aus den Händen fiel: Astralreisen kosten nichts, lassen sich beliebig oft und an jedem Wochentag durchführen, und das Wetter spielt eigentlich keine Rolle. Lastminute, sozusagen, gab es für Inge eine Kurzeinweisung und für mich einen Klaren als Belohnung.

Vielleicht war ein Astralstreik daran schuld, dass die Reise dann nicht so richtig beginnen konnte. Inge hatte keine Lust, länger auf den transzendenten Zustand zu warten, weil ihre Ärzteserie im Fernsehen kam, und ich hatte einige grundsätzliche Schwierigkeiten beim Start. Mit Klaus und Manfred arbeitete ich abends in der Eckkneipe nochmals die Gebrauchsanweisung durch. Die beiden sind praktisch Profis. Klaus fährt sogar einen Astra. Und genau wie in dem Buch beschrieben, konnte ich meinen ersten Zielort nicht erkennen, ganz genau genommen konnte ich mich auch nicht an alle Details erinnern. Aber es war warm und es wurde laut gesungen, soviel steht fest. Wahrscheinlich Ibiza, Kuba oder so was in der Art. Das Lied ging mir jedenfalls den ganzen nächsten Tag im Kopf herum.

Insgesamt war dieser Urlaub eine gelungene Sache. Inge blieb zu Hause (obwohl es ja rein kostenmäßig völlig egal gewesen wäre), und ich verbrachte neun Tage meiner zwei Wochen Urlaub an den merkwürdigsten Plätzen. Rein gewohnheitsmäßig startete ich immer in der Eckkneipe. Jetzt, wo ich wieder arbeiten muss, vermisse ich die Astralreisen richtig. Aber nächsten Sommer ...

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©Harnfried Schoßmüller-Knappentropf

Donnerstag, 12. Juli 2007

Im Zeichen der Gehörnsäge


Dreizehntausend ist eine durchaus imponierende Zahl. Man versuche sich vorzustellen: 13.000 Paar Schuhe im Schrank, 13.000 Pickel im Gesicht, 13.000 Mücken im Schlafzimmer – im Grunde genommen recht überwältigend. Bei 13.000 Sandkörnern oder 13.000 Euro relativiert sich das Ganze ein wenig, wenn man eine Sandburg oder ein Haus bauen will. Bei 13.000 Menschen kommt man schon wieder ins Grübeln. So viele gehen aber immerhin in die Fankurve eines anständigen Fußballstadions.
Warum ich mich auf die 13.000 kapriziere? Nun, die Hauptstadt von Süd-Dakota heißt Pierre und hat diese Zahl an Einwohnern. Eine einzige Fankurve als Hauptstadt – welch deprimierende Vorstellung! Das kann aber unmöglich der einzige Grund sein, warum Pierre vor einigen Jahren als „Suicide City“ betitelt wurde: Die Selbstmordrate hatte bedrohliche Werte erreicht. Sucht man nach Gründen, wird man schnell fündig und kann sich kaum entscheiden, welcher der gewichtigste sein könnte.
Zwei Kandidaten stehen sicher in der engen Wahl. Zunächst einmal gibt es in Pierre ein State Capitol; es sieht aus wie das Capitol in Washington, ist aber dreizehntausendmal kleiner. Dort spielten sich schon früher deprimierende Dinge ab. Zunächst verlor Deutsch bei der Abstimmung über die Amtssprache mit einer Stimme gegen Amerikanisch, aber das mag man im vernetzten elektronischen Zeitalter ja gerne verschmerzen. Weitaus deprimierender ist ein großer Vitrinenschrank im ersten Zwischengeschoss. Dort sind Miniaturroben ausgestellt. Es handelt sich um die handgefertigen Kleinreplikas der Abendkleider, die die Frauen der jeweiligen frischgewählten Gouverneure bei der Amtseinführung ihrer Gatten trugen. Vermutlich waren alle Einwohner Pierres an der Herstellung dieser Kleinode beteiligt, manche sicher zwangsweise. Ich denke da an den männlichen Teil der Bevölkerung, der sonst am nahe gelegenen Lake Oahe im Sommer mit Fischen und im Winter mit Eisfischen reichlich zu tun hat.
Gleich in der Nähe von Pierre liegt die imaginäre Linie, die die Central Time Zone von der Mountain Time Zone trennt. Wenn man da auf der falschen Seite des Sees fischt, ist man ruckzuck eine Stunde später daheim, wenn man nicht aufpasst. In der Zeit hätte schon eine weitere Rüsche eines Mini-Abendkleides fertig sein können.
Zieht man die einzig vernünftige Konsequenz und verlässt Pierre mit dem Auto Richtung Norden, so beginnt man nach 50, 60 Kilometern die 13.000 Zurückgelassenen zu vermissen, denn die einzigen Lebewesen, die man hin und wieder zu Gesicht bekommt, sind braun und tragen Gehörn. Der erste Ort nach längerer Autofahrt heißt Onaida, und genau so sieht es dort auch aus. Zur Ermittlung der Einwohnerzahl muss man 13.000 durch 100 teilen, wenn Sie wissen, was ich meine.
Einsame Kilometer weiter taucht wieder ein Schild aus dem Bodennebel auf: Agar, Population: 82. Die sind wenigstens ehrlich. Wie oft sie die Einwohnerzahl korrigieren, weiß man nicht. Aber sie kann unmöglich ständig bei 82 liegen. Ich habe dennoch angehalten – und wenn ich erkläre, warum, wird man vermuten, dass ich zu lange in der Gegend geblieben bin, um ohne geistige Beeinträchtigung heimkehren zu können.
Vielleicht sollte ich zur Erhöhung der Pointe zunächst darauf hinweisen, dass es Winter war in Süd-Dakota. Das ist noch deprimierender, als man zunächst glauben mag. Dadurch wird aber erklärlicher, dass ich an eine Art von Einsamkeitshalluzination glaubte, als hinter einer Schneeböschung ein Straußenkopf auftauchte und mich neugierig beäugte. Da hätten Sie auch angehalten und wären die paar Schritte die Böschung hochgeklettert, geben Sie's ruhig zu! Ich kannte zwar die Regel „Wo man zehn Mäuse sieht, sind noch hundert andere“, aber die Regel „Wo dich ein Strauß anblickt, sind noch tausend andere“ kannte ich bis dato nicht.
Mitten im Winter! Die armen Vögel. Als sie mich bemerkten, kamen sie alle – ich wiederhole: alle! – auf mich zugerannt; und ich vermute, Sie ahnen, was das bei Straußen heißt. Verdenken konnte ich es ihnen nicht: Vermutlich war ich außer ihrem Herrchen der erste Mensch, den sie seit Jahren zu Gesicht bekamen.
Wegen des lauten Straußengalopps tauchte auch bald der besorgte Straußenbesitzer auf, der natürlich eine Flinte in Händen hielt. Da ich keinen Laufkorken bei mir trug, um ihn vorne hineinzustecken, damit sich der Schuss nach hinten löse, wurde mir durchaus mulmig. Glücklicherweise stellte sich früh genug heraus, dass der besorgte Vogelhändler deutsche Vorfahren hatte und daher keine direkte Veranlassung mehr sah, einen – ja, wie nennt man das in diesem Falle: Stieflandsmann? Schwiegerlandsmann? Na, ich weiß nicht! – Menschen zu treffen, der so sprechen konnte wie sein Vater (der Herr habe ihn selig).
Bei einer heißen Ovomaltine erzählte er mir, dass er außer Straußenzüchter auch noch Jäger sei. Da gebe es genug Arbeit in dieser Gegend. Sein Waffenschrank hatte die Ausmaße einer Kölner Eigentumswohnung. Auf dem Couchtisch lag ein Katalog für Jägerbedarf, in deutscher Sprache von einem deutschen Händler. Arthur, so hieß der Oberstrauß, dachte gerade über die Anschaffung eines Wildkühlschranks nach. Zunächst verstand ich das Wort nicht auf Anhieb und hätte schwören können, dass er „Wildkühlschrank“ gesagt hatte. Wie sich herausstellte, hatte ich ihn richtig verstanden. Begeistert zeigte er mir den Artikel im Katalog. Tatsächlich, ein Wildkühlschrank!
„Elektrolux Umluft-Wildkühlschrank – Zur schnellen Abkühlung von zwei Stück Rehwild oder einem Stück Schwarzwild (bis ca. 65 kg) nach den Vorschriften der Fleischhygieneverordnung. Temperaturbereich von 1° bis 12°C. Bruttoinhalt 368 Liter. Wechselbarer Türanschlag. Abschließbar. Mit Laufrollen und verstellbaren Füßen. Innenbeleuchtet. Wildgehänge mit zwei Schiebehaken und 4 Regalböden. FCKW-frei. Außenmaße 59,5x59,5x185 cm, Innenmaße 52,5x48,0x160 cm (BxTxH). € 1070,–“
Die Angabe „mit Laufrollen“ fand ich besonders interessant. Bis dahin hatte ich ja gedacht, der ordentliche Waidmann habe das Gerät bei sich zu Hause im Keller stehen. Nun begann ich jedoch in Erwägung zu ziehen, dass man die Kiste während der Jagd hinter sich her ziehen könnte, um das Wild vor Ort zu kühlen. Allerdings gab es im gesamten Katalog keine einzige olivgrüne Wildkühlschrank-Tarnabdeckung, denn wenn man mit diesem riesigen weißen Ding im Wald auftaucht, lachen sich die Rehe ja einen Wolf! Meinen weiteren Einwand, dass man bei –15 Grad keinen Kühlschrank bräuchte, entkräftete Arthur mühelos: „Im letzten Sommer hatten wir fast 45 Grad im Schatten.“ Dann allerdings …
Nun hatte der Katalog noch mehr zu bieten; Dinge, an die ich vorher ehrlich gestanden noch nie gedacht hatte: „Gehörnsäge mit Abschlagevorrichtung und Rundstab-Sägeblattführung. Kein Verhaken und Verkanten der Säge. Das Sägeblatt bleibt dadurch länger scharf! Gleichmäßiger, glatter Schnitt, der nicht mehr nachbehandelt werden muss. Die Trophäe passt genau aufs Schild! Einstellmarkierung – dadurch exakte Einstellung des Schnittwinkels. Verzinkte Ausführung. € 39,95“ Und dazu noch den ergänzenden Artikel „Ersatzsägeblatt mit Griff, € 8,50“, der mich an den berühmten Katalogeintrag einer Antiquitätenauktion erinnerte: „Antikes Messer ohne Griff, dem die Klinge fehlt.“
Zugegebenermaßen war mir vorher auch nicht recht klar gewesen, dass man Wildteile nach dem Ermorden nicht einfach zu Trophäen zurechtsägen sollte, weil dann das anhaftende Restgewebe zu verwesen beginnt. Nein, nein! Doch die Lösung ist ja so einfach: „Abkoch-Vorrichtung für Trophäen – Zum sauberen, bequemen Abkochen von Reh-Gehörnen, Gamskrucken usw. Einfaches Anbringen durch gummiarmierte Halterung und Flügelschrauben. Stufenlose Verstellmöglichkeit in 4 Richtungen. Korrosionsgeschützt, die Armierung besteht aus wasser-, hitze- und fettbeständigem Spezialgummi. € 29,95“ Darauf muss man erst mal kommen! Die Trophäenpräparation geht so zweifellos sehr leicht von der Hand.
Ich bin dann nach Norden weitergefahren.
Da kommt man dann – Sie werden es ahnen – nach Nord-Dakota. Und wenn Sie wissen wollen, warum das die Gesamtsituation nicht verbessert, sehen Sie sich den Film „Fargo“ an. Ich versuche derweil mal herauszufinden, ob es auch fahrbare Bierkühlschränke gibt.
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©2007 Julius Moll
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Sonntag, 1. Juli 2007

Therapeutische Anschläge


Ja, muss man denn wirklich immer in die Ferne schweifen, um stimulierende Eindrücke zu sammeln? Nein, muss man natürlich nicht. Man kann, aber man muss nicht. Zudem ist "Ferne" ebenso relativ wie alles andere in diesem Universum. Geht man beispielsweise zu Fuß von Köln nach Bonn, ist es recht fern. Fährt man dagegen mit dem Auto von Köln in Richtung Süden, hat man Mühe zu merken, dass da überhaupt eine Stadt ist.
Aber ich schweife ab. Der oberbergische Kreis ist nicht wirklich weit entfernt von Köln. Dort gibt es einen Flecken namens Rebbelroth, gelegen zwischen Derschlag und Dieringhausen. Zugegeben: Man muss diese Orte nicht kennen; zusammen sind sie etwa halb so groß wie der Friedhof von Chicago. Aber dann läuft man eben Gefahr, wirklich wichtige Erkenntnisse zu verpassen.
In Rebbelroth findet sich nämlich neben der Ausfahrt des örtlichen Supermarktes etwas fundamental Beeindruckendes: eine "Anschlagsäule für Jedermann". Als ich die Säule erstmals sah, war ich mir sofort der glücklichen Fügung bewusst: Die Säule war unversehrt, und das bedeutete, dass in letzter Zeit niemand einen Anschlag verübt hatte.
Die tiefe philosophische Einsicht dieses nachahmenswerten Plans der örtlichen Verwaltung lässt einen in stille Andacht verfallen. Aggressionsableitung als Prophylaxe, um Schlimmeres zu verhindern: allein als Idee lobenswert, hier aber zudem noch brillant umgesetzt. Wem schwillt nicht hin und wieder der Kamm? Praxisgebühren, Benzinpreis, Irakkrieg, Umweltverschmutzung, Flughafengebühren, Ozonloch, Kapitalismus, Kommunismus, Raucher, Nichtraucher, Atomkraftwerke, Windräder, Kölner, Düsseldorfer, Moscheen, Sonntagmorgenglockengeläut – es gibt immer etwas, was einen auf die Palme bringen kann. Warum dann gleich in den Extremismus abgleiten? Da reicht es doch völlig aus, wenn man die nächste Anschlagsäule in die Luft jagt. Niemand wird verletzt, und die Dinger können umgehend und preiswert ersetzt werden, damit sie dem nächsten unzufriedenen Mitbürger zur Verfügung stehen.
Natürlich wäre Anleitung von Nöten. Dabei könnten auch Varianten dieses Modells vermittelt werden. Volkshochschulen könnten Praxisseminare für stark Unzufriedene anbieten, in denen alte Autos mit Nagelbomben vollgepackt werden – ohne Zünder, versteht sich –, um diese dann in irgendeiner Innenstadt abzustellen. Da wäre dann zumindest der seelische Druck weg, dass man nichts getan hätte, um sich zu artikulieren, aber niemand käme zu Schaden.
Und warum ins Auto oder Flugzeug stürzen, wenn man denkt, man sei komplett urlaubsreif? Wenn in jeder größeren Ortschaft eine Art Sandkasten mit Strandkorb und einer Tasse Sangria bereitstünde, würde das die Touristenscharen deutlich dezimieren helfen. Niemand mehr müsste gleich den erstbesten freien Tag opfern, um nach Mallorca zu jetten.
Während ich diese tief schürfenden Gedanken in die Tastatur tippe, schimpft drei Meter hinter mir auf einem Zweig Frau Rotkehlchen. Den Ton kenne ich. Den schlägt sie immer an, wenn ihr Gatte nicht genug Futter heranschaffen hilft. Und ihn habe ich in der letzten Stunde weder gesehen noch gehört. Vermutlich hängt er mit Herrn Meise an irgendeinem Rinnsal herum und pfeift irgendwelchen Bachstelzen nach, dieser Tunichtgut. Die Schimpfkanonade seiner Gattin wird intensiver. Vermutlich hätte auch sie gerade eine Verwendung für eine Anschlagsäule.
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©2007 Julius Moll
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Freitag, 29. Juni 2007

Gullyboy aus Guatemala



Wer reist, bringt nicht selten was mit nach Hause. Fotos machen die meisten und quälen anschließend ihre Freunde mit Vorführungen oder Geschichten ohne jede Pointe. Geschichten, die in aller Regel damit anfangen: „Also, da muss ich dir eine Geschichte erzählen, da schlackerst du mit den Ohren ...“ Was dann kommt, ist an Ödnis nicht mehr zu übertreffen, und wenn man mit den Ohren schlackert, dann nur deswegen, weil man im Durchzug steht.

Andere, die Wagemutigen, essen wie die Einheimischen, probieren alles aus und verbringen viel Zeit auf dem Klo. Es gibt eigentlich nichts Unterhaltsameres als einen politisch korrekten Deutschen, der im indonesischen Dschungel das von einer alten Frau vorgekaute, in einer schmutzigen Schüssel zu Alkohol gegorene Maniok auf Ex kippt, um zu beweisen, dass er fremde Kulturen respektiert.

Wieder andere halten sich am Hotel schadlos. Ich kannte mal einen, der räumte sämtliche Hotels leer, wenn er abreiste. Nicht nur Bademäntel und Seife. Einfach alles. Bettzeug, Fön, und wenn der Koffer groß genug war: den Fernseher. Er fand, dass Hotelpreise generell zu hoch angesetzt waren und dass er ein Recht auf die Sachen hätte.

Ich ging eine Weile zu einem Frisör, der alle seine Reisen auf einer großen Weltkarte markiert und dann im Frisörsalon aufgehängt hat. Darüber stand: Alle meine Reisen.

Und dann hätten wir noch die Sammler. Und man kann 'ne Menge Sachen sammeln: afrikanische Fruchtbarkeitsgöttinnen, Tiere jeder Art, meist jedoch Elefanten, Aschenbecher, Geschlechtskrankheiten. Je bekloppter, desto besser.

König der Skurrilitätensammler, auf den ich letztens im Internet gestoßen bin, ist ein Mann, der Gullydeckel sammelt. Im Gullyversum gibt es alles. Gullydeckel aus Antigua oder Grenoble, Tripolis oder Mannheim. Einfach überall her. Die Kuriosesten nennt er Mutationen. Die Frage sei erlaubt, wer da wie und wann zu was mutiert ist.

Sie können sich, wenn Sie wollen, den Gullydeckel Ihres Herzens übrigens anfertigen lassen. Da fehlt dann zwar ein bisschen der Stallgeruch – und das kann man in diesem Fall fast schon wörtlich nehmen –, aber bevor Sie sich mit der Polizei in Guatemala anfeinden, weil Sie nach Mitternacht auf der Hauptverkehrsstraße an einem Gullydeckel rummachen, bedenken Sie eins: Die Dinger wiegen bestimmt 80 Kilo und Ihre vierköpfige Familie müsste nackt zurückreisen, weil Sie das Übergepäck nicht bezahlen können.

Falls doch, sagen Sie mir Bescheid. Ich mache dann ein Foto vom Gullyboy aus Guatemala. Dann hätte ich mal 'ne Story, dass alle mit den Ohren schlackern.

Montag, 7. Mai 2007

Satanische Pudel


In Japan kennt man keine Schafe. Vielmehr hat man da nicht so große Erfahrungen mit Schafen. Was ich erstaunlich finde, denn das gemeine Schaf ist außer im Dschungel oder in der Wüste recht oft zu finden, und man kann ja kaum behaupten, dass Japan Sumpf- oder Wüstengebiet wäre.

Warum ich das erwähne? Weil ich letztens Zeitung gelesen habe. Und was glotzt mich da auf einem riesigen Foto an? Ein Schaf, richtig. Also genauer gesagt: ein Lamm. Nur sah es nicht aus wie ein Lamm, sondern wie ein Pudel. Sie wissen schon: toupierte Haare, rasierte Kränze um die Füße, Lockentolle und Bömmelchenschwanz. Zum Schießen.

Noch erstaunlicher war der Bericht zum Bild, denn das rasierte und toupierte Lämmchen wurde von einem Polizisten in die Kamera gehalten. Als Beweisstück, quasi. Eine heimtückische Bande hatte es fertig gebracht, rund 2000 Lämmlein zu rasieren und zu toupieren und als Königspudel im Internet anzubieten.

Jetzt ist die Idee so schräg, dass man förmlich die Handschellen klicken hört, weil ja niemand so blöd sein kann, ein Lamm nicht von einem Pudel zu unterscheiden, aber in Japan hat man eben nicht so viel Erfahrung mit Schafen, wohl aber ein großes Verlangen nach Königspudeln.

Was soll ich sagen: Die Bande hat tatsächlich alle 2000 Lämmlein vertickt. An ebenso viele Japaner. Und es wäre wohl nicht einmal herausgekommen, wenn sich eine japanische Schauspielerin nicht beschwert hätte, dass ihr Pudel so komische Geräusche von sich geben würde und das Fresschen verweigert.

Jetzt kann man ja mal reingelegt werden, und die Lämmchen sahen wirklich scharf aus als Pudel, und dass sie kein Hundefutter mochten, hätte man ja noch als vegetarische Veranlangung durchgehen lassen können und ein Bääähbäähh vielleicht noch als Fremdsprache, aber hat denn niemand drüber nachgedacht, dass Hunde keine Hufe haben?

Es sei denn, der Pudel wurde in ganz bestimmten Kreisen angeboten und verkauft. Dann allerdings gäb’s keinen Grund zur Beschwerde, denn rasierte und toupierte Lämmer wurden schon im Mittelalter als satanische Pudel verfolgt, auf den Scheiterhaufen gebracht und anschließend gegessen.

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©Kölnisch-preußische Lektoratsanstalt

Samstag, 5. Mai 2007

Weg, in Sizilien


Wir waren Weihnachten wieder in Sant’Ambrogio auf Sizilien. Es war ein schöner Urlaub. Nein, Fotos habe ich keine. Ich hatte den Apparat vergessen. Den neuen. Der alte ist ja kaputt. Wir sind zusammen gefahren, mit Manni und Ute. Ute hat zwei Kinder. Auf die Große können sie stolz sein, Ute und ihr Mann. Die jüngere wollte Ute gar nicht bekommen, aber dann …
Manni ist Frauenarzt. Ute lebt mit ihm und ihren beiden Töchtern in einem großen Haus gemeinsam mit seinen (also Mannis) Eltern unter einem Dach. Wir fahren alle zusammen, natürlich jeder in seinem Auto. Im Urlaub, meine ich. Und immer nach Sant’Ambrogio, das ist ganz abgelegen und es gibt dort keine Touristen. Wir gehören schon fast zu den Einheimischen.

Doch einen Tag nach ihrem 16. Geburtstag war Renate plötzlich verschwunden. Renate ist die jüngere Tochter, hatte ich das erwähnt?
Es war ein furchtbarer Tag. Es stürmte und regnete junge Hunde.
An diesem Tag ist schon eine Frau aus dem Dorf verunglückt, sie ist hingefallen. Durch den Regen war die Straße aber auch so glatt wie eine Schlittschuhbahn.
Die Straßen in Sant’Ambrogio sind fast alle gepflastert, das macht die Sache noch schlimmer – oder schöner, bei Sonne zum Beispiel.

Als Ute vom Strand kam – Ute geht im Urlaub jeden Tag an den Strand, warum auch immer, aber das tut hier nichts zur Sache –, als sie also zurück in das Ferienhaus kam, da dachte sie, Renate wäre oben in dem kleinen Dachzimmer. Die Mädchen hatten ein Dachzimmer, bei Sonnenschein viel zu warm. Nicht an diesem Tag, denn es regnete ja. Ute dachte also, Renate ware oben und würde zum Beispiel lesen. Oder Musik hören. Oder irgendwas anderes machen.

Genaugenommen weiß ich nicht, was Ute dachte. Sie hat nur erzählt, sie hätte gedacht, Renate wäre oben in dem besagten Zimmer.
Doch dem war nicht so.

Manfred, den alle immer Manni nennen (natürlich nicht seine Patientinnen, und von den Sprechstundenhilfen nur Frau Hafermann, aber die ist ja schon über 40), wollte Renates große Schwester Heike an diesem Nachmittag ja abholen. Zu Fuß. Sie war in der Eisdiele. Aber bei dem Wetter … also ging Ute selber los.
Doch sie traf Heike nicht an der Eisdiele. Sie sei angeblich schon nach Hause gegangen. Aber das stimmte auch nicht. Nur wusste das keiner.
Mehr als seine Stunde suchten sie nach ihr. Ohne Erfolg.

Es wurden verschiedene Vermutungen aufgestellt. Erst dachte man, Heike sei nach Hamburg gefahren oder nach England. Weil ihr geliebtes Pferd Fury abgeholt wurde. Aus Hamburg, nach England.

Warum das geschehen sollte, weiß ich auch nicht. Vielleicht sollte ich Ute mal fragen. Ist ja komisch, ein Pferd abholen zu lassen, wenn man gar nicht da ist. Aber vielleicht habe ich da auch was falsch verstanden.

Dann vermutete man eine Entführung durch die verrückte Anita. Anita ist eine ganz harmlose Person, sie ist nie aus Sant’Ambrogio herausgekommen. Fast jedenfalls. Na gut, sie hat ihren Mann und seine Mutter umgebracht. Aber wenn man die beiden kannte, dann zeugt diese Tat eher von Scharfsinn, Weitsicht und einem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl. Sie hat ja auch zwei Jahre dafür gesessen, in Palermo, glaube ich. Das haben mir die Einheimischen erzählt.

Die Familie wurde sogar noch mit verrückten Anrufen verwirrt. Mindestens mit einem.
„Verwählt“ soll der Mann in das Telefon gekeucht haben, mit verstellter Stimme, oder er hatte ein Taschentuch über die Sprechmuschel gelegt. Obwohl das gar nichts nützt, glaube ich. Als ich Frau Schonfleger angerufen habe wegen des Drecks vor der Garage, da hat sie mich sofort erkannt. Trotz Taschentuchs. Na ja, Ute kann kein Italienisch. Sie meint, es habe sich so angehört, als hätte der Anrufer etwas gesagt, das wie „verwählt“ auf Italienisch klang.

Ute war mit den Nerven total fertig. Die italienische Polizei stellt meist nur alte Vermutungen neu zusammen und unterstellt Touristen auch noch, dass sie ihre Kinder nicht gut erziehen. Ich kann nicht viel Italienisch; ich habe einen Kurs in der Volkshochschule gemacht, und manchmal verstehe ich auch nicht jedes Wort.
Wir haben die Polizei ja auch komplett rausgehalten. Aber wir hätten sie sicher noch angerufen, am Abend zum Beispiel.

Ute nahm dann ihre Füße in die Hand, und das Herz und die ganze Sache und fand sie dann oben in dem Dachzimmer. Die Mädchen hatten sich ja das Zimmer geteilt im Urlaub. Für eine Woche, da geht das ja mal. Man konnte ja nicht damit rechnen, dass es die ganze Zeit regnet. Heike war die ganze Zeit oben gewesen. Renate nicht, aber wo die an dem Nachmittag steckte, das habe ich bis heute nicht rausbekommen. Ich muss sie mal fragen bei Gelegenheit. Abends kam dann die Sonne wieder raus; es ist einfach herrlich, dort in Sant’Ambrogio.

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©2007 Harnfried Schoßmüller-Knappentropf

Mittwoch, 2. Mai 2007

Uunartoq Qeqertoq


Was es doch für schöne Inseln gibt: Fidschi, Tahiti, Tonga, Vanuatu, all die Atolle, Pulau Pulau Bompa nicht zu vergessen und Mururoa – nun gut, vielleicht doch nicht Mururoa, denn dort strahlt nicht nur die Sonne. Aber die anderen: blaues Meer, weiße Sandstrände, weiße Haie, Meeresschildkröten, Korallenriffe. Allerdings liegen diese Paradiese nicht besonders hoch über dem Meeresspiegel. Und damit lässt jeder im hohen Norden geschmolzene Eisberg das Wasser eine Handbreit weiter auf den Strand schwappen. Ein paar Jährchen noch, und die Paradieshäfen lassen sich nur noch mit U-Booten anlaufen. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen, den König von Tonga eingeschlossen, bei jeder Meldung über die globale Erwärmung vor Besorgnis bibbern.
Weiter nördlich hat man andere Sorgen, die mit Bibbern wenig zu tun haben. Da gibt es nämlich gar kein Land, auf das Wasser schwappen könnte. Der einzige feste Grund unter den Füßen besteht aus Eis, und die meisten dieser Füße sind sechzig Zentimeter lang und gehören Eisbären, diesen Tieren, die aussehen wie Knut, aber viel größer und gefährlicher sind.
Nun heißt es ja, dass die zügige Schmelze des Bärengeläufs die Ursache dafür sei, dass die Großknuts in Kürze den Weg des Dodos gehen werden. Andererseits laufen die Eisbären ja nur deshalb übers Eis, weil sie auf der Suche nach leckerem Robbenfleisch sind. Und da liegt der Seehund begraben: Robben werden langsam, aber sicher, auch immer weniger, weil irgendwelche Menschen jährlich Zigtausende von ihnen abknallen. Da brauchen die Eisbären kein Eis mehr, über das sie laufen müssten, um Robben zu finden.
Stellen wir uns doch mal einen Strand vor, wo eine Robbe an der anderen liegt. Hundert Meter weiter treibt im Wasser eine Eisscholle. Glaubt jemand, dass ein zufällig vorbeikommender Eisbär die Robben links und rechts liegen ließe, zur Eisscholle schwömme und dort ein Loch grübe, um Robben zu finden?
Nun, wir alle kennen die Antwort. Natürlich bliebe der Bär an Land und am Strand und würde sich auch schnell daran gewöhnen aufzupassen, dass er beim Fressen nicht zu viel Sand zwischen die Zähne kriegt. Das kennt er vom Eisessen ja so nicht. Zur Eisscholle würde er nur noch schwimmen, um das überanstrengte Magengewebe ein wenig zu kühlen.
Wir sehen also, dass die Erderwärmung nicht zwangsläufig Katastrophen hervorruft. Nein, zudem sind die Folgen mitunter sogar recht verblüffend. Bei Grönland tauchte kürzlich unter einem schmelzenden Eisberg eine kleine Insel auf, die bislang noch niemand kannte. Versteckt unter einem Eispanzer hat sie geduldig darauf gewartet, bis genügend Menschen SUVs fahren, deren Abgase gerade ausreichen, um die Temperatur auf einen Wert zu heben, der das kalte Gefängnis schmelzen lässt. Nun steht sie da, mit steilen Felsen, denen auch ein höherer Wasserspiegel nichts anhaben wird. Sie wird dort auch noch stehen, wenn Tonga und die anderen längst versunken sind.
Das Land, das aus der Wärme kam. Oder wie die Inuit es nennen: Uunartoq Qeqertoq.
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©2007 Julius Moll
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Dienstag, 24. April 2007

Texas Chili


Manchmal werden einem Geschichten zugespielt, die so witzig sind, dass sie eigentlich nicht wahr sein können. So wie die vom unglücklichen Edgar, der in Texas an einem Chili-Wettbewerb als Juror teilnahm. Seine Erfahrungen hat er glücklicherweise zu Papier gebracht und sie sollen hier - in unserem wunderbaren, kleinen Reiseblog - auf keinen Fall verschwiegen werden.

Chili 1: Mike’s Maniac Mobster Monster Chili

Richter 1: Etwas zu tomatenbetont; amüsanter Kick.
Richter 2: Angenehmes, geschmeidiges Tomatenaroma. Sehr mild.
Edgar: Ach, du Scheiße! Was ist das denn für ein Zeug?!! Damit kann man ja getrocknete Farbe von der Autobahn lösen!!! Brauche zwei Bier, um die Flammen zu löschen.

Chili 2: Arthur’s Afterburner Chili

Richter 1: Rauchig, mit einer Note von Speck. Leichte Peperonibetonung.
Richter 2: Aufregendes Grillaroma, braucht mehr Peperoni um ernst genommen zu werden.
Edgar: Schließt das Zeug vor Kindern weg! Ich weiß nicht, was ich hier außer Schmerzen noch schmecken könnte. Zwei Leute wollten erste Hilfe leisten und schleppten mehr Bier ran, als sie meinen Gesichtsausdruck sahen.

Chili 3: Fred’s famous „Burning down the House Chili“

Richter 1: Exzellentes Feuerwerk Chili! Mordskick! Bräuchte mehr Bohnen.
Richter 2: Ein bohnenloses Chili, ein wenig salzig, gute Dosierung roter Pfefferschoten.
Edgar: Ruft den Katastrophenschutz! Ich hab ein Uranleck gefunden! Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich Rohrfrei geschnieft. Inzwischen weiß jeder was zu tun ist: Bringt mehr Bier, bevor ich zünde. Die Barfrau hat mir auf den Rücken gehauen; jetzt hängt mein Rückgrat vorne am Bauch. Langsam kriege ich Gesichtlähmung von dem ganzen Bier!

Chili 4: Bubba’s Black Magic

Richter 1: Chili mit schwarzen Bohnen, fast ungewürzt. Enttäuschend.
Richter 2: Ein Touch von Limonen. Gute Beilage für Fisch. Eigentlich kein richtiges Chili.
Edgar: Ist es möglich, einen Tester auszubrennen? Sally, die Barfrau, stand hinter mir mit Biernachschub. Die hässliche Schlampe fängt langsam an, heiß auszusehen; genau wie dieser radioaktive Müll, den ich hier esse.

Chili 5: Linda’s Legal Lip-ex

Richter 1: Fleischig starkes Chili. Frisch gemahlener Cayennepfeffer fügt einen bemerkenswerten Kick hinzu. Sehr beeindruckend.
Richter 2: Hackfleischchili, könnte mehr Tomaten vertragen. Ich gebe zu, dass der Cayennepfeffer Eindruck hinterlässt.
Edgar: Meine Ohren klingeln, Schweiß läuft mir in Bächen herunter und ich kann nicht mehr klar sehen. Musste furzen und vier Leute hinter mir mussten vom Sanitäter behandelt werden. Die Köchin schien beleidigt zu sein, als ich ihr erklärte, dass ich von ihrem Zeug einen Hirnschaden erlitten habe. Sally goss mir Bier direkt aus dem Zapfhahn auf die Zunge und stoppte so die Blutung.

Chili 6: Vera’s Vegetarian Chili

Richter 1: Dünnes, aber dennoch kräftiges Chili. Gute Balance zwischen Chili und den anderen Gewürzen.
Richter 2: Das Beste bis jetzt! Aggressiver Einsatz von Chilischoten, Zwiebeln und Knoblauch. Superb!
Edgar: Meine Därme sind ein gerades Rohr voller gasiger, schwefeliger Flammen. Ich habe mich vollgeschissen, als ich furzen musste, und ich fürchte, es wird sich durch Hose und Stuhl fressen. Niemand traut sich mehr, hinter mir zu stehen. Kann meine Lippen nicht mehr fühlen. Habe das Bedürfnis, mir den Hintern mit einem großen Schneeball abzuwischen.

Chili 7: Susan’s Screaming Chili Sensation

Richter 1: Ein moderates Chili mit zu großer Betonung auf Dosenpeperoni.
Richter 2: Ahem, schmeckt, als hätte der Koch tatsächlich im letzten Moment eine Dose Peperoni reingeworfen. Ich mache mir Sorgen um Richter 3. Er scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen und flucht unkontrolliert.
Edgar: Ihr könnt eine Granate in meinen Mund stecken und den Bolzen ziehen: Ich würde nichts spüren. Auf einem Auge sehe ich gar nichts mehr und die Welt hört sich wie ein großer, rauschender Wasserfall an. Mein Hemd ist voller Chili, das mir unbemerkt aus dem Mund getropft ist. Meine Hose ist voll lavaartigem Schiss und passt damit hervorragend zu meinem Hemd. Habe beschlossen, das Atmen einzustellen. Zu schmerzhaft.

Chili 8: Helena’s Mount Saint Chili

Richter 1: Ein perfekter Ausklang. Ein ausgewogenes Chili, pikant und für jeden geeignet.
Richter 2: Ein gut balanciertes Chili, weder zu mild noch zu scharf. Bedauerlich nur, dass das meiste davon verloren ging, als Richter 3 ohnmächtig vom Stuhl kippte und dabei den Topf über sich ausleerte. Armer Kerl; frage mich, wie er auf ein richtig scharfes Chili reagiert hätte.

Montag, 9. April 2007

Alles muss raus!


Die Vereinigten Staaten von Amerika sind groß, und es geschehen tagtäglich viele unglaubliche Dinge dort. Sie geschehen an Orten, die im Grunde genommen keiner Erwähnung wert wären, sich aber plötzlich in ganz anderem Licht zeigen.
Einer dieser Orte ist Tacoma. Das liegt im Bundesstaat Washington, weit im Nordwesten und weit entfernt von der gleichnamigen Hauptstadt. Es ist schade, dass man Blogs keine Aroma-Dateien beifügen kann, denn auf diese Weise wäre leichter zu ermessen, was Frank Zappa meinte, als er schrieb "with a garlic aroma that could level Tacoma". Das Kaff riecht nämlich nach Schwefel. Vielleicht liegt es auch daran, dass in der Liste bekannter Bürger so morbide Gestalten auftauchen wie Serienkiller Ted Bundy und Massenmörder Joseph E. Duncan III. Um dazu einen Satz von Max Goldt abzuwandeln: Tacoma ist die weit westliche Manifestation des Nicht-Monte-Carlo-Seienden.
Und irgendwie passt dazu, dass sich in Tacoma kürzlich die Risiken von Web 2.0 offenbarten. Ein entweder übellauniger oder aber spaßvogeliger Mensch hatte in einer Anzeigenseite im Internet annonciert, dass ein Haus renoviert werden würde, und dass es dazu komplett leer geräumt werden müsse. "Kommt und holt es euch! Alles umsonst!" Das ließen sich die Tacomer (oder heißt es Tacomaten?) nicht zweimal sagen. Das Haus war ruckzuck leer.
Leider hatte der Inserent weder mit dem Eigentümer noch mit dem Makler des Hauses das Geringste zu tun. Die ermittelnde Polizeibeamtin heißt übrigens Gretchen Ellis. Viel Glück! –
Von Tacoma aus halten wir uns östlich und erreichen irgendwann die Großen Seen. Am Lake Superior liegt Duluth. Und da der See so groß ist, dass man das andere Ufer nicht sehen kann, wähnt man sich am Meeresstrand, etwa so wie in Pompeji. Wie ich gerade auf Pompeji komme? Nun, im Jahr 2006 wurde in Duluth ein renovierter Freizeitpark wieder eröffnet. Ein Teil der investierten Millionen hatte ein künstlicher Vulkan verschlungen (!), integriert in ein Spaßbad. Im Vulkan eine Surround-Anlage, die das Grollen des Feuer speienden Molochs authentisch darbieten sollte. Aber die Anlage tat mehr als ihre Pflicht: Einige Tage nach der Eröffnung überhitzte sie sich eifrig und steckte dadurch den Kunstvulkan in Brand. Für einige kostbare Minuten durfte er sich als richtiger Vulkan fühlen. Im Gegensatz zu Pompeji wurde niemand ernsthaft verletzt. –
Und damit zur letzten Station dieser kleinen Nordamerika-Rundreise: Chattanooga in Tennessee. Dort stand ein 42-jähriger Mann im Verdacht, ein 15-jähriges Mädchen missbraucht zu haben. Nach einem Deal mit der Staatsanwaltschaft sollte er nach der Untersuchungshaft entlassen werden, wenn er sich an die vereinbarten Auflagen hielte. Doch bevor die Vereinbarung in Kraft treten konnte, änderte sich die Situation auf unerwartete Weise: Der Mann war gar keiner, sondern eine verkleidete Frau. Dieser Geschlechtsdimorphismus fiel auf, als der/die Untersuchungs(!)gefangene nach gut einer Woche zum Duschen gebracht wurde.
Für den kritischen Beobachter ergeben sich daraus zwei Fragen:
1.) Wieso durfte der/die Angeklagte erst nach zehn Tagen duschen?
2.) Wie kommt die Klägerin aus der Nummer wieder heraus?
Übrigens: Die Partnerstadt von Chattanooga ist Hamm in Westfalen. Vielleicht sollten dort alle mal prophylaktisch duschen gehen.
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©2007 Julius Moll
Nicht verpassen: Moll bloggt.