Donnerstag, 3. Januar 2013

Gebrauchsanweisung, Gebrauchsanleitung und Richtlinie

Dass sich keiner mehr wirklich zurecht findet, wundert nur den Laien. Dabei ist die Welt doch einfach, wenn man die Gebrauchsanweisung genau liest. Das haben wir eigentlich schon von Douglas Adams gelernt (Ganz recht: Per Anhalter usw.). „Oh Gott, bin ich deprimiert“, sagt Marvin dort. Welch eine Erkenntnis, besonders dann, wenn die Depression von kybernetisch geschaltkreisten Dioden herrühren. Aber liest er sie, seine Gebrauchsanleitung? Nein!

Auch nicht die Gebrauchsanweisung – wobei es fraglich ist, ob Marvin den feinen Unterschied zwischen diesen beiden Veröffentlichungsformen überhaupt erkannt hat. Heimtückischerweise mit gleichen Vokalen in identischem Raster ausgestattet, liest sich -anweisung ja auch fast wie -anleitung.
Dass man nach dem Lesen der Gebrauchsanweisung für einen Konzertflügel natürlich noch kein Leonard Bernstein ist, ist ein erklärbarer, wenn auch verbesserungsbedürftiger Mangel im System. Doch abgesehen davon bevorzuge ich meinerseits stets die Anleitung. Die wirkt, was den Namen angeht, so frei, so ungebunden. Nicht so dogmatisch wie eine Anweisung. Es sei denn, ich finde eine Richtlinie. Dann nehme ich die.

Eine meiner liebsten Richtlinien zum Beispiel ist die Richtlinie zur Unfallverhütung in Lehrküchen in Oberösterreich. Warum gerade diese? Nun, das ist einfach erklärt. Unter dem Unterpunkt d) (direkt nach Hauptpunkt 2 (die Nummerierung und Aufzählung ist in diesem Werk leider noch suboptimal, wirkt fast wie mit dem Nummerierungsassistenten von Microsoft Word generiert, aber ich schweife ab) findet sich der zitierfähige Absatz Gefahrenquelle Dampfdruckkochtopf.

Der einzig hier enthaltene Unter-Unterpunkt (Titel: „Sachgerechter Umgang“) sagt nämlich nicht nur: „Vor Gebrauch Ventil und Dichtungsring überprüfen“, „Sorgfältig schließen“, „Nicht überhitzen“ und „Vor dem Öffnen abkühlen, damit der Druck im Inneren abnimmt (kaltes Wasser über den Deckel fließen lassen)“ – das hätten wir uns alle auch selbst denken können – nein, da steht auch ein eherner Leitsatz, der Schlüssel zum Dampfdruckfass der Pandora, nämlich: „Gebrauchsanleitung lesen“. Ist doch ganz einfach.

Diese einfache Regel hätte anderen Menschen beim Umgang mit Pavianen und der Unverwundbarkeit einiges erspart. Ich zitiere (und zwar nicht aus Tifflor, der Pavian von Perry Rhodan, sondern aus dem Standartwerk DonkeyKong64, Abteilung „Cheats und Hints“ von Norbert Zimmermann, also DER Gebrauchsanleitung schlechthin):

… 4. Im Vorraum zur Kristall-Kaverne muss man mit Chunky schon die Eingänge aus Eis links und rechts mit dem „Primaten-Punch“ geöffnet haben. Man rennt in die andere Höhle, in der alles voller Lava ist und sammelt die goldene Banane ein.

Jetzt geht man zum Eingang über die zwei Sandbecken und schießt dann links auf die beiden Kokosnuss-Schalter. Man springt in das Unverwundbarkeitsfass und rennt in die Mitte des Raumes. Auf der Brücke ist ein fetter Kremling, der nach dem Besiegen die Blaupause hinterlässt (bei Snide dafür eine goldene Banane).

In Crankies Labor kauft man den „Pavian-Perplexer“, jetzt kann man zurück zur Anfangs-Lichtung und dann nach links, man klettert auf die Palme, bei der Lianen sind, und schwingt bis zu der Plattform. …

Alles klar? Alles mitbekommen? Auch die Sache mit dem Pavian-Perplexer aus Crankies Labor? Wäre, würde, hätte man das mal vorher studiert, dann könnte man auch eine deutsche Waschmaschine bedienen.

©2012 Harnfried Schoßmüller-Knappentropf

Mittwoch, 3. November 2010

Eine kleine Nachtmusik


Als Gesine fragte: "Kannst du mich und meine Freundinnen zum Flugplatz fahren?", hätte ich bereits misstrauisch werden müssen. Ein oder zwei Mal im Jahr machten die Damen einen Ausflug. Städtetouren mit Modenschauen und Einkaufsbummel, so etwas in der Art. Nichts also, woran man als normaler Mann unbedingt teilnehmen müsste. Aber zum Flughafen fahren? Das klang nach der Pflicht eines Kavaliers und Ehemannes, der man sich ehrenvoll stellen musste.
Die Damen hatten sich diesmal Salzburg als Ziel erwählt. "Da ist auch Mozarts Geburtshaus", flötete Gesine. "Wusstest du das?" Der Tonfall ihrer Frage erinnerte mich entfernt und unangenehm an verdrängungswürdige Momente meiner Schullaufbahn. Aber natürlich wusste ich das mit Mozart. Was ich allerdings nicht wusste war, was Mozart mit Mode und Einkaufen zu tun hat. Vermutlich handelte es sich um ein Ablenkungsmanöver. Kosten für Partituren würden auf meiner Kreditkartenabrechnung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auftauchen.
Aber zunächst mussten die Damen ihr Flugzeug erreichen, Mozart hin, Mode her. Und es wäre ja alles nicht so schlimm gewesen, wenn es diese verfluchten Billigflieger nicht gäbe. Die Hölle möge sie verschlingen! Die Damen hatten sich nämlich einen zusätzlichen Preisvorteil von sage und schreibe 12 Euro erkauft, und zwar mit einer Abflugzeit von 04.50 Uhr.
04.50 Uhr!
Das klingt nicht nur recht früh, doch immerhin neigt sich die Nacht zu dieser Zeit bereits ihrem Ende entgegen. Nun ist allerdings die Abflugzeit nur der Kopf eines nächteverschlingenden Monsters. Sobald sich dieses Monster aus der Versenkung erhebt, liest man auf seinem Körper in grauenhaft blutroten Lettern, dass man spätestens eine Stunde vor Abflug am Flugplatz zu sein hat. Bei einer Fahrtzeit von einer halben Stunde von der Wohnung zum Terminal bedeutet dies: Abfahrtszeit 03.20 Uhr. Eintreffen der Damen zwischen 02.30 und 03.00 Uhr, denn Pünktlichkeit ist ja bekanntlich die Höflichkeit der Königinnen.
Nun könnte man ja zunächst vermuten, dass das alles nicht so schlimm ist, weil man ja um diese Zeit noch im Halbschlaf vegetiert und sich die allgemeine Reisehektik, verbunden mit laut artikuliertem Meinungsaustausch über die Gefahren der bevorstehenden Teilumrundung des Erdballs, in einigermaßen erträglichen Grenzen hält.
Wie gesagt, das könnte man vermuten. Da kennen Sie aber Gesines Freundinnen schlecht!
Gegen 02.30 Uhr brach eine Woge hochfrequenter Vokallaute über unser stilles Heim herein, und ich begann sofort krampfhaft zu überlegen, was ich zu tun hätte, um die Autofahrt physisch und psychisch einigermaßen unversehrt zu überstehen. Vermutlich lag es an der Uhrzeit, dass es fast zehn Sekunden dauerte, bis mir mein letztes Geburtstagsgeschenk einfiel. Ein Stück Manna, das mir ein mitleidiger Beobachter aus dem Ingenieurshimmel zugeteilt hatte; eine Falle, in die Gesine getappt war, indem sie mich gefragt hatte: "Was wünscht du dir denn eigentlich zum Geburtstag? Es ist immer so schwer, etwas für dich zu finden! Du hast ja schon alles!"
Von wegen!
Aber in diesem Fall hatte ich nicht widersprochen, sondern mir einfach einen Stereokopfhörer gewünscht.
Und zwar einen mit Außengeräuschdämpfung. Entwickelt für Luxuslimousinen. Spezialmikrofone nehmen den Umgebungslärm auf und kontern ihn mit Schallwellen spiegelverkehrter Amplitude. Das Ergebnis: himmlische Ruhe.
Ich nahm also den Kopfhörer mit ins Auto, stöpselte ihn in das Radio und gab vor, so besser den Verkehrsnachrichten lauschen zu können, damit wir auch ja rechtzeitig am Flugplatz einträfen. Eine halbe Stunde lang schwebte mein Gehirn in einem Meer der Ruhe, auch wenn ich im Rückspiegel erkennen konnte, dass sich die Lippen meiner Mitfahrerinnen unablässig bewegten.
Dieser paradiesische Zustand fand sein Ende, als wir am Flughafen eintrafen. Notgedrungen musste ich den Kopfhörer ablegen und im Auto zurücklassen, damit ich den Damen beim Gepäck zur Hand gehen konnte.
In der Abfertigungshalle herrschte ein Betrieb wie in Neu-Delhi zur Rushhour. Offenbar waren auch noch andere Sparfüchse auf die Idee gekommen, Zeit in Geld zu verwandeln. Ein Meer von flugwütigen Stadtentdeckern wogte vor den Schaltern. Als sich Gesine und die Damen schließlich bis zum richtigen Schalter durchgekämpft hatten, wünschte ich viel Spaß und beabsichtigte, das Schlachtfeld zügig zu verlassen. Leider kam ich nicht sehr weit.
"Warte, du musst uns helfen!" Gesine war mir hinterhergelaufen und hielt mich am Oberarm fest.
Warum bloß hatte ich den Kopfhörer im Auto gelassen?
"Edeltraud hat Übergewicht!", rief Gesine.
Das war mir zwar auch schon aufgefallen, aber wieso kamen sie mit diesem Problem ausgerechnet zu mir?
"Ihr Koffer ist zu schwer!", fügte Gesine hinzu.
Ach so, der Koffer also auch.
"Und jetzt muss sie Gebühr dafür zahlen", berichtete Gesine weiter.
"Na, dann soll sie das doch tun", schlug ich naiv vor.
Gesine blickte mich vorwurfsvoll an. "Darauf sind wir auch schon gekommen. Aber sie hat zu wenig Bargeld dabei."
Das interessierte mich jetzt zumindest technisch. "Zu wenig Bargeld? Äh, wieviel wiegt denn der Koffer?"
"27 Kilo", sagte Gesine stolz.
27 Kilo? Für drei Tage Salzburg? Und wie hatte Edeltraud Lyskirchen dieses Monster vom Auto bis zum Schalter tragen können? Machte die heimlich Bodybuilding? Die Hochachtung vor dieser sportlichen Leistung wuchs fast ebenso schnell wie die Sehnsucht nach dem Kopfhörer.
"Dann leiht Ihr doch das Geld", sagte ich vorsichtig.
Gesine stemmte die Fäuste in die Hüften. "Du hältst dich wohl für sehr klug? Wir haben auch nicht genug. Else hätte zwar, aber ihre Geldbörse ist im Koffer, und der ist schon eingecheckt."
Ah, endlich war es heraus! Sie wollten an mein Geld. Das würde eine herbe Enttäuschung geben. "Ich habe auch keins, nur meine Brieftasche. Schließlich will ich ja nur zurück ins Bett."
Gesine sah mich an, wie es die Fernsehkommissare tun, wenn sie eine Schwachstelle im Alibi eines Serienmörders gefunden hatten. "In deiner Brieftasche ist aber auch deine EC-Karte", sagte sie triumphierend.
O je. Entrinnen war nicht möglich. Sie hatten mich. Also auf zum nächsten Geldautomaten. Allerdings täuscht hier das Wort "nächsten". Ich war rund 10 Minuten in leichtem Trab unterwegs, bis ich einen fand. Glücklicherweise war er nicht defekt.
Als ich einige Minuten später in die Abfertigungshalle zurückkehrte, fand ich sie verblüffend leer vor. Wo eine gute Viertelstunde zuvor noch das schiere Chaos regiert hatte, herrschte nun beunruhigende Stille. Verwunderlich irgendwie, zumal weder Gesine und ihre Damen zu sehen waren noch Edeltraud Lyskirchens Monsterkoffer. Und der zumindest hätte da ja noch stehen müssen.
Es dauerte keine drei Minuten, bis ich nach einigen kurzen Gesprächen mit Ortskundigen den Fehler gefunden hatte: Ich befand mich in Flügel C. Lufthansa und so weiter. Gesine und die apokalyptischen Heerscharen waren in Flügel A. Der Geldautomat in Flügel B. Falsche Richtung. Kann um die Uhrzeit passieren. Also kehrt, Marsch!
Unglücklicherweise sah es im Flügel A inzwischen auch so ähnlich aus wie in Flügel C. Wo waren all die Menschen? Immerhin gab es einen wichtigen Unterschied: Edeltraud Lyskirchen und ihr Koffer waren noch da. Die Dame blickte mir regungslos entgegen, wobei mir eine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen auffiel.
"Ah, Frau Lyskirchen! Wo sind denn die anderen Damen?"
Was so freundlich und interessiert gemeint war, trug rückblickend leichte Züge von Ironie.
Frau Lyskirchen deutete nämlich streng mit dem Daumen in Richtung Flugsteig. "Die sitzen inzwischen im Flugzeug nach Salzburg", sagte sie gefährlich leise.
Mir schwante Fürchterliches. "Was denn, ohne Sie?"
Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände, aber sie kleidete ihn auch noch in Worte: "Leider waren Sie ja nicht früh genug zurück mit dem Geld!"
Krampfhaft versuchte ich mir über die Konsequenzen klar zu werden, schaffte es aber nicht ganz. "Und jetzt?", fragte ich deshalb ratlos.
Sie sah mich durchdringend an. "Nun, Ihre Frau hat gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Da Sie es verbockt hätten, würden Sie es auch wieder gutmachen und mich mit dem Auto nach Salzburg bringen."
Meine mentale Paralyse löste sich erst, als ich versuchte, ihren Koffer irgendwie zu bewegen. Und als ich dann endlich völlig ausgepumpt hinter dem Steuer saß, konnte ich wenigstens noch zwei winzige Teilerfolge feiern. Zunächst gelang es mir, Edeltraud Lyskirchen davon zu überzeugen, dass man im Fond sicherer aufgehoben ist als auf dem Beifahrersitz, zumal auf solch einer langen Fahrt, und dann musste sie noch einsehen, dass Verkehrshinweise mit Kopfhörer einfach verlässlicher abzuhören sind.

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(c)2010 Julius Moll.

Samstag, 1. Mai 2010

Offener Brief


Sehr geehrter Herr Landrat,

bitte erlauben Sie mir, mit diesem Schreiben den vorbildlichen Einsatz Ihrer Mitarbeiter loben: Wirklich erste Klasse!

Als ich am Vormittag des Karfreitags durch Kalsbach raste, auf dieser gefährlichen, weil gut ausgebauten Strecke, die geradezu einlädt, das Maß für Geschwindigkeit zu verlieren, und dabei von Ihrem Mitarbeiter durch ein grelles, rotes Licht in die Realität zurückgeblitzt wurde, war mein erster Gedanke: Verdammter Mist, das gibt’s doch nicht! Dann aber ging es mir auf: Welch ein selbstloser Einsatz! Am Feiertag! Großartig! Anstatt den Tag mit Frau und Kindern zu Hause zu verbringen, fährt dieser wackere junge Mann frühmorgens mutterseelenallein hinaus und tut zwei gute Dinge gleichzeitig: Er schützt die Bürger vor potentiellen Mördern und saniert den Haushalt des Landkreises. Chapeau!

Auch die Denker und Lenker dahinter sind zu loben. Menschen mit Übersicht und Augenmaß, von denen es leider zu wenige gibt. Hier aber gibt es sie, und sie tun ihre Pflicht. Sie sorgen dafür, dass wir alle ein warmes Gefühl von Sicherheit verspüren dürfen, und erinnern uns daran, dass wir nicht allein sind.

Während ich so weiter fuhr und nachdachte, kamen mir viele Ideen zu diesem Thema. Und die möchte ich nicht für mich behalten. Nein, ich möchte helfen, möchte mich fürs Gemeinwohl einbringen. Und so erlauben Sie mir bitte, Ihnen wenigstens einen dieser Gedanken mitzuteilen.

Die Idee der Geschwindigkeitskontrolle als Profitcenter ist ja nicht ganz neu, aber bewährt. Man sollte sie auch unbedingt beibehalten. Nur die Ausführung war in diesem Fall suboptimal. Die Straße durch Kalsbach fühlt sich durch ihre Breite, ihren Belag, ihren ganzen Ausbau wie eine Strecke an, auf der man locker siebzig fahren könnte, die aber auf fünfzig begrenzt ist. Als geschlossene Ortschaft kann man die Straße auch nicht wirklich bezeichnen. Gefühlt, meine ich. Sie, Herr Landrat, können ja, und haben auch. An vielen, ungezählten anderen Stellen – auch in unserem Kreis – sind vergleichbare Ortsdurchfahrten auf siebzig Stundenkilometer begrenzt. Und hier möchte ich ansetzen. Deklarieren Sie die Kalsbach-Durchfahrt doch bitte als Dreißigerzone! Das wäre doch viel ergiebiger!

Eigentlich liegt es doch auf der Hand: Ich zum Beispiel preschte an jenem Karfreitag mit 56 km/h durch Kalsbach, direkt vor mir fuhr dieser Golf mit den zwei Damen und den beiden Hunden, ebenfalls im Geschwindigkeitsrausch. Dafür sind auch sie geblitzt worden. Aber, und jetzt folgt die Pointe: Sechs Stundenkilometer zu viel bringen doch gerade mal 15 Euro in die Kasse!

Zudem war auch das Verkehrsaufkommen denkbar gering! Und dennoch opferte Ihr junger Mitarbeiter seine Zeit. Vermutlich mit Feiertagszuschlag. Ja, lohnt sich das denn? Wenn das eine Dreißigerzone wäre, hätte sich der ganze Aufwand doch viel besser gerechnet! Da wären doch mindestens 80 Euro zusammengekommen. Pro Auto! Und dreißig zu fahren macht an dieser Stelle genauso viel – respektive wenig – Sinn wie fünfzig. Aber fürs Gemeinwohl wäre es doch viel nützlicher.

Ehrlich gesagt, habe ich mir auch schon zarte Vorwürfe gemacht, dass ich so zögerlich gefahren bin. Ein bisschen mehr Engagement hätte wohl dabei sein dürfen. Da sollte ich vielleicht mal meinen Egoismus hinterfragen. Jedenfalls habe ich mich nach intensivem Nachdenken dazu entschlossen, Ihnen statt der geforderten 15 Euro freiwillig 17 Euro zu überweisen. Verstehen Sie die zusätzlichen 2 Euro bitte als pekuniäres Schulterklopfen, verbunden mit der Aufforderung: Weiter so!

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Paul Schmitz


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©2010 Paul Schmitz

Montag, 5. April 2010

Wie man in der Fremde Schuhe kauft.

Man kennt das: Irgendwer hat immer ein Paar Schuhe weniger als gewünscht. Dann heißt es, ein Schuhgeschäft zu finden. Richtig interessant wird es, wenn gewisse Bedingungen an die fehlende Fußbekleidung gestellt werden, beispielsweise: Die Farbe ist egal – Hauptsache, sie sind rot. Was ganze Lebensgemeinschaften zerrütten kann, ist aber gleichzeitig auch eine Chance und Herausforderung. Wie gut, dass es Leute wie die Schuhsucher gibt, die vorführen, wie man derartige Probleme mit angemessener Würde löst, auch im befreundeten Ausland.



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Ein Film von Fedor von Hengstenberg
©2010 FvH/Smartists

Montag, 15. März 2010

Mörderisches Vergnügen 2010

Na, das war ja wieder ein schöner Abend dieses Jahr. Da freuen wir uns mal auf das nächste "Mörderische Vergnügen" im März 2011 – dann bereits zum zehnten Mal.



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Ein Film von Fedor von Hengstenberg
©2010 FvH/Smartists

Dienstag, 10. Februar 2009

Toskanische Momente


Als Gesine vorschlug, in die Toskana zu fahren, war ich irgendwie erleichtert. Bei ihren Freundinnen standen zurzeit ganz andere Reiseziele auf der Tagesordnung: Je nach Jahreszeit entweder Club-Urlaub in der Türkei oder Weihnachtsmarktbesuche in Nürnberg oder Dresden. So etwas in der Art. Zeitvertreib also, den man nicht unbedingt braucht und der einem normalen Mann durchaus an die psychische Substanz gehen kann. Verglichen damit wirkte die Toskana wie ein himmlischer Ort.
Über das Transportmittel herrschte ebenfalls recht schnell Einigkeit. Ja, ich weiß: Aus ökologischen Gründen müsste man mit der Eisenbahn fahren. Dagegen spricht ja im Prinzip auch gar nichts. Doch liegt der Teufel wie so oft im Detail. Die Langstrecke an sich ist nicht das Problem; es sind die letzten 50 Kilometer. Überlegen Sie doch: Sie steigen in Pisa, Florenz, Siena oder gar Piombino aus dem Zug (immer vorausgesetzt, diese Orte sind wirklich ans Schienennetz angeschlossen), was dann? Wie geht es dann weiter?
Bus? Mit all dem Gepäck? (Und ich spreche nicht von meinem Gepäck.)
Taxi? Ich bitte Sie! Da muss man ohnehin aufpassen wie ein Schießhund, dass man nicht übers Ohr gehauen wird, und dann noch in einem fremden Sprachraum? Nein, nein.
Bliebe ein Mietwagen. Aber ich muss sagen, dass ich kein Mietwagen-Typ bin. Da weiß man doch gar nicht, welche Rabauken vorher mit dem Auto gefahren sind. Vielleicht haben sie etwas kaputt gemacht und bei der Rückgabe nichts gesagt? Dann tritt man vor der Einfahrt zu einem Weingut auf die Bremse und wundert sich, dass man ohne merkliche Verzögerung durch die Pinienallee schießt und koppheister an der nächsten Zypresse endet. Fazit: Eigener Herd ist Goldes wert, und das gilt auch fürs eigene Auto. Entweder richtig oder gar nicht.
Wir sind dann also los. Ich gebe zu: Nach einigen hundert Kilometern, spätestens kurz vor der schweizerischen Grenze, melden sich untergründig Zweifel an der Entscheidung zugunsten der Autofahrt. Aber dann: Helvetien! Hohe Berge, grüne Matten, puppenstubenartige Häuser, Serpentinen, Tunnel so lang wie die Eifel.
Und quasi anschließend: Italien. An der ersten Mautstation regt sich noch die vage Hoffnung, dass der Sprit im Preis enthalten sei. Siebenundzwanzig Mautstationen und drei Kilometer weiter hat man sich von dieser lustigen Idee verabschiedet. Und recht schnell erkennt man neidlos an, dass die Italiener diese Wegelagerei als Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip vervollkommnet haben. Kurz nach Mailand ist nämlich plötzlich Schluss mit Mautstationen auf der Autobahn. Die Erleichterung darüber hält aber nur so lange, bis man im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel bemerkt, dass es an jeder Ausfahrt eine gibt. Ab diesem Punkt materialisiert sich im Kopf ein Zählwerk, dass gleichzeitig die Beträge der eigenen Tages- und Festgeldkonten sowie die aktuellen Aktienkurse zusammenrechnet, um festzustellen, ob man überhaupt noch in der Lage sein wird, sich an der Zielausfahrt freizukaufen.
Aber es sollte ohnehin alles anders kommen.
Wir hatten Parma hinter uns gelassen und die Berge erklommen. Von da ab ging es grundsätzlich bergab, Richtung La Spezia. Hinter einem kurzen Tunnel ein Schild: „Willkommen in der Toskana“. Und kurz nach dem Schild: Versagen der Benzinpumpe. Gesine bemerkte den Schaden, allerdings nicht am widerwilligen Ruckeln des Fahrzeugs, sondern an meinem analytischen Gesichtsausdruck.
„Alles in Ordnung?“
„Nein. Auto ist kaputt.“
Wir hatten Glück im Unglück: Knapp zwei Kilometer bergab gab es eine Autobahntankstelle. Einige Telefonate später kam die Hoffnung auf, dass es einen Abschleppdienst gebe. Einziger Haken: Es war natürlich Freitag Nachmittag. Dennoch trafen anderthalb Stunden später zwei Beauftragte der nächstgelegenen Werkstatt ein, wobei das Wort nächstgelegen relativ zu verstehen ist. Ich wunderte mich zunächst, dass auf der Ladefläche bereits ein anderes Auto mit zwei Passagieren stand, und fragte mich, wie sie uns da mitnehmen wollten. Doch die beiden Nothelfer, gekleidet in blaue Trikots ihrer Fußballnationalmannschaft, fuhren zwei Rollen aus dem Heck des Lasters. Dann schoben sie mein Auto mit den Vorderrädern darauf und hoben die Rollen hydraulisch um zwanzig Zentimeter an. Fertig. Vorderräder am Laster, Hinterräder auf der Straße. Wir würden auf jeden Fall Sprit sparen.
„Wieder in Auto!“, bedeutete der eine. „Und nix bremse! Attentione! Nix bremse!“
Nun, das leuchtete ein. Nicht bremsen! Ich bin ja nicht blöd!
Also ging es los, weiter bergab, Richtung La Spezia. Allerdings nur rund zehn Kilometer. Dann nahm der Schlepper die Ausfahrt, und während ich noch heiter dachte: „Das war ja gar nicht weit“, hielten wir an der Mautstation. Der Kassierer entpuppte sich als pflichtversessener Pedant: Er kassierte nicht nur beim Fahrer des Abschleppwagens, sondern auch bei den Menschen auf der Ladefläche und natürlich bei mir. Und ich hatte in Mailand letztmals gezahlt, was ihn zu freuen schien. Vermutlich nahm er nicht jeden Tag derartige Summen ein.
Allerdings kam ich nicht dazu, allzu sehr mit meinem Schicksal zu hadern, denn während ich missmutig nach der Werkstatt Ausschau hielt, nahm der Abschleppwagen die gegenüberliegende Auffahrt und setzte die Reise rückwärtig fort, wieder bergauf, Kilometer für Kilometer, und zwar Kilometer, für deren Befahrung ich bereits Gebühr bezahlt hatte. Mir schwante nichts Gutes.
„Wohin fahren die Männer?“ wollte Gesine verwirrt wissen.
„Zur Werkstatt natürlich. Wohin sonst?“
Nun gebe ich zu, dass diese Art der Fortbewegung gewöhnungsbedürftig ist. Man sitzt im Auto wie immer, nur ein wenig nach hinten geneigt, und fährt knapp einen Meter hinter einem Laster her, ohne dass man Geschwindigkeit, Abstand und Richtung irgendwie beeinflussen könnte. Zudem wippt das Auto bei jeder Bodenwelle sanft auf und ab. Es ist durchaus merkwürdig, wobei der Ausdruck „merkwürdig“ die Gefühle nicht exakt beschreibt. Gesine jedenfalls hatte ihr Tagebuch aus der Handtasche gezogen und begonnen, an einem Entwurf ihres Testaments zu arbeiten, wobei sie leise vor sich hin jammerte.
Mich plagten ganz andere Sorgen. Mir fiel nämlich plötzlich auf, dass ich mit den beiden Tifosi im Cockpit keinerlei Kommunikationswege vereinbart hatte. Und Kommunikation wird ja häufig unterschätzt, beispielsweise dann, wenn man mitteilen möchte, dass einem in Kürze die Blase platzen wird. Und genau dieser Notfall bahnte sich mit Macht an.
Nun hätte ich hupen können. Aber unter uns: Wir waren in Italien. Da fiel man höchstens auf, wenn man nicht hupte. Und da ich die ganze Zeit über nicht gehupt hatte, wusste ich ja bereits, dass das auch nicht helfen würde. Nun hätte ich mein Händi benutzen können, mit immerhin fast tausend Nummern im Speicher. Sie ahnen es: Die der beiden Abschlepper waren nicht darunter. Kurz beleuchtete ich noch die Idee, das Fenster herunterzukurbeln und laut zu rufen und zu gestikulieren. Aber erstens machten Fahrtwind und Abschleppwagen einen Lärm wie zwanzig Mähdrescher, so dass die Akustik als Hilfsmittel ausfiel, und zweitens war der Laster viel höher und breiter als mein Auto, so dass ich mir auch optisch wenig Aussicht auf Erfolg versprach.
Irgendwann kam dann der Moment, an dem sich die biologischen Grundmechanismen ihre Bahn brachen, der Moment, an dem ich verzweifelt die Bremse betätigte. Unser Auto sprang aus der Vorderradauflage und hüpfte zwei, drei Mal mit den Federbeinen, bis es sanft auf dem Seitenstreifen ausrollte, begleitet vom schrillen Quietschen der Bremsen des Abschleppwagens, dessen Fahrer von meiner einsamen Entscheidung ebenso überrascht worden war wie die Insassen des anderen Havaristen auf der Ladefläche, deren Auto von dem Bremsmanöver hart in die Halteketten gedrückt wurde und sich deshalb spontan entschloss, die Airbags auszulösen. Als die Nitrozellulose-Sprengsätze knallten, stand ich bereits wohlig seufzend an einem Busch neben dem Seitenstreifen und ließ die Physiologie zu ihrem Recht kommen.
Unglücklicherweise hielt in genau diesem Augenblick der körperlichen und seelischen Erleichterung ein Polizeiauto neben mir. Nach einem Versuch in italienischer Sprache versicherte mir der Carabinieri in gebrochenem Deutsch, dass ich da soeben etwas sehr Ordnungswidriges tat. Außerdem wollte er wissen, wer die bewusstlose Dame in meinem Fahrzeug sei und was ich mit ihr angestellt habe.
Um es kurz zu machen: Wenig später waren fast alle Beteiligte auf getrennten Wegen unterwegs. Der Abschleppwagen mit zwei entsetzten Passagieren nebst erschlafften Luftsäcken auf der Ladefläche in Richtung Werkstatt, mein Auto mit einem zweiten Abschleppwagen in Richtung anderer Werkstatt, Gesine mit einem Krankenwagen in Richtung Hospital, und ich mit den Carabinieri in Richtung Polizeistation.
Gesine und das Auto habe ich erst am nächsten Tag wiedergesehen. Kreislauf und Benzinpumpe liefen wieder. Wir sind dann nicht in die Toskana gefahren. Vielleicht nächstes Jahr.

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©2009 Julius Moll

Mittwoch, 12. November 2008

Von Prellböcken und tanzenden Rentnern



Mitunter liest und hört man ja Erstaunliches über diverse Verkehrsmittel. Dabei will ich Flugreisen mal ausnehmen, obwohl auch dabei für den Laien dies und das unklar bleibt. Einem Außenstehenden ist ja nicht so ohne weiteres klar, wieso man auf dem Flug von Köln nach München beispielsweise vom Kapitän erfährt, dass man die Reiseflughöhe von 9000 Metern erreicht habe, aber gleich wieder mit dem Sink- und Landeanflug begönne. 9000 Meter! Warum so hoch, fragt sich der Uneingeweihte unwillkürlich. Wäre es nicht viel weniger riskant, wenn man nur in 10 Metern Höhe flöge? Nur für den Fall, dass mit dem Flugzeug irgendetwas nicht stimmt?
Profis beantworten diese Vorbehalte mit dem lässigen Hinweis, dass man auf 9000 Metern Höhe eben genau in diesem Fall viel länger Zeit hätte, um auf den Fehler zu reagieren, was bei 10 Metern kaum möglich wäre. Insgesamt muss man vermutlich mit der Weisheit leben, dass man sich für jeden Flug einen Sitz ganz vorne reservieren sollte, weil man dort sicher ist, dass im Rahmen eines Absturzes der Getränkewagen noch mal vorbei rollt.
Bei Bahn, Bus und Auto stellt sich das Problem der Reisehöhe ja nicht, zumindest nicht im Normalbetrieb. Wer eine Landstraße mit einem Kleinwagen und 120 Stundenkilometern befährt und an der erstbesten Kurve von den Pneus geholt wird, kann sich natürlich auf einer sehr schönen Flugbahn in ein Weizenfeld katapultieren lassen. Aber davon, wie gesagt, soll hier nicht die Rede sein. Normalerweise ist bei Bus, Bahn und Auto die systemimmanente Reisehöhe gleich Null.
Aber auch dann kann es zu schweren Unfällen kommen. Ohnehin ist ja – auf die Personenkilometer berechnet – die Flugreise noch die sicherste Art zu reisen. Aber was nutzt einem die beste Statistik, wenn man an Bord einer Unglücksmaschine sitzt? Bei Busreisen gilt Ähnliches. Vor Kurzem haben das einige Rentner erfahren müssen, deren Reisebus ausbrannte. Leider gab es Tote und und Verletzte. Der Nachrichtensprecher im Radio erklärte dazu noch, dass sich viele dieser Rentner ohnehin nur mit Gehhilfen bewegen konnten und daher recht hilflos waren, als das Unglück über sie hereinbrach. Doch selbst bei einem solch dramatischen Zwischenfall, den man sich mit ausreichender Hollywoodfilmerfahrung quasi bildlich vorstellen kann, irritieren manche Details. Beispielsweise, wenn der Radiosprecher in einem Nebensatz sagt, dass sich die bekrückten Rentner auf der Rückfahrt von einer Tanzveranstaltung (!) befunden hätten.
Nun ja, man kann nicht immer leicht hinter die Kulissen blicken. Auch nicht bei der Sicherheitsplanung der Bahn. Selbst wenn wir die leidigen Bruchachsen der ICE-Züge mal außer Acht lassen, erfährt man hin und wieder Erstaunliches. Da rollt beispielsweise ein Güterzug mit Kohle durchs Land und lässt sich plötzlich nicht mehr bremsen. Die Situation verschärft sich, als die Strecke auch noch abschüssig wird und der Zug beschleunigt. Die Nachrichten melden, dass der Zug erst von einem Fabrikgebäude gestoppt wurde, und zwar an einer der inneren Brandmauern.
Wie geht es den Zugführern?, sorgt man sich umgehend. Nun, es geht ihnen gut. Sie sind vorher abgesprungen – ein Verhalten übrigens, dass man sich in der christlichen Seefahrt überhaupt nicht vorstellen könnte. Warum sind sie abgesprungen? Dies erklärt ein Sicherheitsexperte der Bahn im Interview. Es gebe nämlich zwei rigorose Sicherheitsstufen für solche Züge. Die erste sei das Bremssystem. Wenn dieses ausfiele, haben die Zugführer die Anweisung, Führerstand und Zug umgehend und fluchtartig zu verlassen. Passieren könne eigentlich nichts, denn es gebe ja eine zweite Stufe: Die Notgleise. Dort würden die bremsfreien Züge am Ende durch einen Prellbock gestoppt.
Im geschilderten Fall allerdings griff keine der beiden Sicherheitsstufen. Der Zug überfuhr den Prellbock locker und souverän und bohrte sich wenig später ins nächste Gebäude. Das Undenkbare war passiert: Zwei Sicherheitstufen durchbrochen!
Was die Notfallplaner der Bahn offenbar nicht wussten: So ein voll beladener Güterzug mit Kohle ist ziemlich schwer. Dieser wog rund 180 Tonnen. Und hatte Tempo 70 drauf, ungefähr. 180 Tonnen! Die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes will schier versagen ob der Aufgabe, sich die Ausmaße des Prellbocks vorzustellen, der diesen Zug abrupt stoppen könnte. Nicht so die Experten. Da steht im technischen Definitionshandbuch: Prellbock, Vorrichtung zur Notbremsung eines Schienenfahrzeugs. Was will man mehr?
Jetzt müsste man nur noch mal in Erfahrung bringen, ob die Bahn in ihren Zugrestaurants für besonders Hungrige als Hauptgang ein gekochtes Wachtel-Ei serviert. Dann hätte dies alles zumindest ein gewisses System.
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©2008 Julius Moll

Freitag, 13. Juni 2008

Watch Watching


Als sie George W. Bush die Uhr geklaut haben, hat die ganze Welt gelacht. Und ich auch. Dabei dachte George W. Bush, er wäre unter Freunden. Albanien dürfte so ziemlich die letzte Bastion Europas sein, wo Georgie ein Bad in der Menge nehmen kann. Was er bei seinem Staatsbesuch letztes Jahr auch getan hat: Jubel, Händeschütteln, erfreute Gesichter. Und dann war seine Uhr weg.

Sie haben es im Fernsehen gezeigt, aber ich bin sicher, dass seine Uhr nicht viel wert gewesen ist: protestantisch vertrocknet wie der ist, hatte er garantiert nur einen billigen Wecker am Handgelenk. Egal, jetzt trägt seine Uhr ein anderer. Und ich lach immer noch über die Geschichte.

Ja, ja, so sind sie halt, die Albaner: arm, verschlagen, unehrlich. Nicht wahr? Oder etwa nicht?! Jetzt mal ganz ehrlich: Wissen Sie, wie die Albaner so sind? Nicht die Geschichten, die Sie irgendwo von irgendwem mal aufgeschnappt haben und die irgendwie jeder kennt. Und meistens auch die Kosovaren meinen. Ich meine die Albaner. In Albanien. Nicht die im Kosovo.

Grämen Sie sich nicht: kaum einer weiß, wie die Albaner so sind. Weil niemand Albanien kennt. Nicht mal geographisch. Bei einer spontanen kleinen Umfrage fand ich raus, dass die meisten Albanien irgendwo zwischen Afrika und Afghanistan vermuten. Dabei liegt es mitten in Europa. Nur, dass es niemand kennt. Ein blinder Fleck auf der Landkarte.

Ich habe sie kennen gelernt, die Albaner, und muss sagen, sie sind so einfach nicht zu greifen. Weil nicht so leicht auszumachen ist, wofür sie sich eigentlich wirklich interessieren. Denn vieles an ihnen wirkt widersprüchlich. Was vielleicht auch an ihrer Art liegen mag, wie sie mit Ausländern kommunizieren: nämlich gar nicht. Oder nur sehr wenig. Und das liegt nicht an ihrer Unfreundlichkeit, das sind sie nicht, sondern daran, dass sie sehr zurückhaltend sind. Fast schon schüchtern. Ein weiches Volk, das Direktheiten vermeidet.

Im Gegensatz zu uns Deutschen. Nach meiner ersten Lesung in Tirana sprach mich eine Dame an. Sie sagte: „Also, eigentlich war ich ja ziemlich gegen Sie eingestellt!“
Ich antwortete: „Tatsächlich?! Warum?“
„Nun, das lag an Ihrer Vita.“
„Meiner Vita?“
„Die Sie hier veröffentlicht haben.“
Ich überlegte fieberhaft, was sie damit meinte? Was stand denn in meiner Vita? Gesucht wegen falscher Grammatik, Vielweiberei und betrügerischem Viehhandel? Ich war ein wenig ratlos.
„Na, wo Sie schreiben, dass Sie ... wie war das jetzt? Na, wo Sie schreiben, dass Sie ohne Fleiß studiert haben ...“
„Ach, das meinen Sie!“ antworte ich erleichtert. „Da steht, dass ich mit wenig Fleiß und noch weniger Erfolg studiert habe.“
„Genau!“ sagte sie. „Das meine ich.“
„Und deswegen waren Sie gegen mich eingestellt?“
„Ja, ich fand das richtiggehend provozierend. So was kann man doch nicht schreiben!“
Ich zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“
Sie schüttelt den Kopf: „Das kann man nicht machen!“
„Es entspricht aber der Wahrheit.“
Sie ist empört: „Ja, aber es macht Ihnen doch etwas aus!“
„Nein, eigentlich nicht.“
Und noch ein bisschen empörter: „Natürlich macht Ihnen das was aus! Das spürt man doch!“
„Nein. Wirklich nicht.“
Sie glaubt mir nicht, aber sie schwenkt um und lächelt: „Naja, aber Sie haben dann wirklich schön gelesen.“
„Danke.“
„So mit den verstellten Stimmen. Das war wirklich gut.“
„Danke. Es wäre sicher noch besser gewesen, wenn ich mit Jörg gestern Nacht nicht noch dessen Schnapsbestände ausgetrunken hätte.“

Ich gebe zu, das kann man auch diplomatischer formulieren. Ein Albaner hätte es jedenfalls getan. Mal davon abgesehen, dass er diese Diskussion niemals angefangen hätte. Er hätte wohl überhaupt keine Diskussion angefangen, weil er ohne den sanften Druck der Universität oder des Deutschzentrums, dessen Leiter der oben erwähnte Jörg ist, gar nicht gekommen wäre.

Dabei interessieren sich die jungen Leute sehr für das Ausland. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch zu einem Ausländer kommen, wenn der sie mal besucht. Außer bei George, natürlich. Denn der ist ein Freund. Und da sind sie alle gekommen und haben gejubelt.

Und haben gleich mal seine Uhr geklaut. Ach, ich liebe diese Geschichte.

Tirana, Tirana


Da gibt es ein Haus, mitten in Tirana, grau und wuchtig wie ein Turm, das hat keine Klingel und keinen Posteinwurf. Kein Erdgeschoss und keine Adresse. Kleine Fenster und ein massive Eisentür. Es ist bewohnt, aber die Bewohner verlassen dieses Haus nie. Es ist nicht schön, aber es blieb als einziges stehen, als Bürgermeister Edi Rama vor ein paar Jahren die vielen Buden und Häuschen an der Lana, dem kleinen Bächlein, das durch Tirana fließt, abreißen ließ, um Ordnung zu schaffen. Jeder kennt dieses Haus, aber es hat keinen Namen.

Architektur ist so eine Sache in Tirana. Vieles von den traditionellen Bauten ist nicht mehr da, weil es durch ausgesucht hässliche Hochhäuser ersetzt wurde, die vornehmlich der kommunistische Diktator Enver Hoxhas (gesprochen: Hodscha) bauen ließ und damit maßgeblich zu Tiranas Verschandelung beitrug.

Edi Rama hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass sich das gebessert hat. Nicht nur, weil er die Favellas an der Lana abreißen ließ – mit Ausnahme des beschrieben Turms – sondern auch, weil er mit einem kleinen Trick große Wirkung erzielte: der ehemalige Künstler Rama ließ die hässlichsten Häuser einfach bunt anmalen.

Ansonsten herrscht so etwas wie Wilder Westen – besser noch: Wilder Südosten – im albanischen Baugewerbe, mit zum Teil skurillen Ergebnissen. Auf der Suche nach Bauland in der begehrten Innenstadt, sind die Bauunternehmen nicht sehr zimperlich. Da wird Bauland gefunden, wo man vorher gar keines vermutet hätte.

Wie zum Beispiel eine Straße. Da ist doch schön viel Platz! Warum also nicht ein Haus draufbauen? Was soll ich sagen: Sie haben es gemacht. Und nicht nur einmal. Ein Hochhaus. Mitten auf einer Durchgangsstrasse. Die jetzt natürlich eine Sackgasse ist. Von beiden Seiten.

Auch Baupläne sind eher so etwas wie vage Absichtserklärungen. Da steht ein Bauamtsleiter schon mal vor einem zehnstöckigen Haus und stiert ungläubig auf den genehmigten Plan, der nur vier Stockwerke ausweist.
Ha, ich kann den Polier geradezu vor mir stehen sehen, wie er sich ein bisschen verlegen am Kopf kratzt und sagt: „Nun, wir waren gerade so gut drauf und hatten auch noch Material über und, äh ...“

Früher war es übrigens üblich, dem Bau ein lebendes Opfer zu bringen. Heute beschränkt man sich auf Teddys. Die werden im Rohbau auf Stahlgitter gespießt und sollen böse Geister abhalten. Wenn Sie mich fragen sieht es eher so aus, als wären die bösen Geister schon da.

Die größte Geschmacksverirrung jedoch steht im Stadtzentrum und geht wieder auf Hoxhas Konto: eine Pyramide. Sie sollte sein Mausoleum werden. Bemisst man den Dachschaden von Diktatoren an ihren baulichen Hinterlassenschaften, so wird hier überdeutlich, mit wem es die Albaner vier Jahrzehnte lang zu tun hatten: einem größenwahnsinnigen Spinner. Paranoid dazu, weil er das kleine Land mit etwa 600.000 Bunkern hat pflastern lassen. An strategisch wichtigen Stellen, versteht sich. Was für Albanien bedeutet: alle paar Meter.

Bleibt noch das graue Haus an der Lana. Das Vendetta-Haus. Denn dort sitzen die zum Tode Verurteilten. Nicht durch den Staat, sondern durch verfeindete Clans. Solange sie in diesem Haus bleiben, dürfen sie weiterleben. Verlassen sie es jedoch ... Lebenslänglich der etwas anderen Art. Das Haus ist Teil von Albaniens Kultur, steht in Tiranas Zentrum vor aller Augen und doch steht es allein da. Isoliert. Wenn man Albaner dazu befragt, zucken sie mit den Schultern: niemand weiß darüber genaues. Und es interessiert sie auch nicht. Dennoch ist es da. Ein zu Stein mutierter Anachronismus.

Ich frage mich, wie es in dem Haus aussieht? Wie viele mögen darin leben? Und wie gehen sie miteinander um, wenn sie dort Tür an Tür wohnen? Vielleicht kommen sie gut miteinander aus. Ein gemeinsames Schicksal schweißt Menschen oft zusammen. Vielleicht werden sie mit den Jahren sogar zu Freunden. Während sich ihre Familiemitglieder draußen weiterhin hassen. Unüberwindbarer Hass.

Und nicht mal Edi Ramas Farbe kann das übertünchen.

Achtung! Küssen.


Zuweilen fragt man sich, aus welchen Gründen die Insassen im Vendetta-Haus ihre Strafe absitzen müssen. Es geht oft um Mord, doch die Gründe, die zu einem führen, sind meist weniger gewichtig und in den Augen eines Westeuropäers ohnehin schwer nachzuvollziehen: Ehrverletzung.

Doch welche Art von Ehrverletzung? Albanien ist ein religiöser Vielvölkerstaat: Muslime, Katholiken, Orthodoxe und eine ganze Reihe von Splittergruppen. Doch in Albanien herrscht gegenüber den Religionen große Toleranz. Jeder kann mit jedem und tut es auch. Die Gläubigen leben friedlich miteinander.

Was hätten wir noch im Angebot bei klassischen Ehrverletzungen? Richtig: Lästerlicher Lebenswandel. Auch schlecht. Albaner gehen grundsätzlich gerne aus. In Tirana herrscht eine Kneipen-, Bar-, und Cafédichte, wie sie vielleicht noch in Köln üblich ist. In jedem Fall aber ihresgleichen sucht. Und obwohl im Land 40 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht, investieren die Albaner ihr bisschen Geld für einen Kaffee oder einen Drink an der Bar.

Im krassen Gegensatz zu uns Deutschen, wo Arbeitslosigkeit in aller Regelmäßigkeit zur selbstgewählten Vereinsamung vor dem Fernseher führt. So als ob man ohne Arbeit nicht mehr gesellschaftsfähig wäre. Es wird geraucht und Alkohol getrunken. Gute Gründe, um jemanden einen lästerlichen Lebenswandel anzukreiden. Wird aber nicht gemacht. Denn sonst müssten sie viele, viele Vendetta-Häuser an der Lana bauen.

Gerne genommen: weibliche Unschuld. Vielmehr der Verlust der selbigen. Und sei es auch nur als Schreckenszenario eifersüchtiger Männer. Doch auch hier eher Fehlanzeige. Die albanische Jugend ist sehr attraktiv und zeigt das auch. Die Kleidung vor allem bei Mädchen ist knapp, verdammt knapp möchte ich sagen, hohe Hacken beinahe Pflicht. Die jungen Leute begegnen sich unverkrampft, im gegenseitigen Wohlgefallen.

Aber Konventionen gibt es doch: öffentliche Zärtlichkeiten sieht man nicht. Und es gibt Bars für Verheiratete, in denen es Kuschelräume gibt, wo das Licht schummrig ist und wo man Achtung! küssen kann. Also doch: keusche Unschuld im knappen Top?

Könnte man meinen. Wäre da letzte Woche nicht dieser Unfall gewesen. Es hat den Chef eines privaten Fernsehsenders erwischt. Hat seinen neuen Ferrari spazieren gefahren.

Jetzt ist das sehr bedauerlich, aber noch keine Meldung, die die Albaner hat aufhorchen lassen. Schon eher, dass neben ihm sein Freundin saß. Nackt. Jetzt kennt man das ja mit italienischen Autos: sicher ist die Klimaanlage ausgefallen und in einem engen Auto wie einem Ferrari kann es da schon mal warm werden. Gute Gründe ein bisschen was auszuziehen. Man will ja nicht die teuren Klamotten durchschwitzen.

Kurz darauf müssen dann auch die Bremsen ausgefallen sein. Und so endete die fahrt an einem Baum an der Lana. So sind sie dann gefunden worden, was in Tirana für einen handfesten Skandal gesorgt hat, schließlich war der Mann verheiratet. Aber wenn man den Albanern so in die Gesichter sieht, wenn sie über den Unfall reden, sieht man immer ein Lächeln. Nicht schadenfreudig, eher ein Kichern über eine Nummer, die – ziehen wir das persönliche Drama mal ab – durchaus komisches Potential hat.

Was fährt der Mann auch Ferrari? Selbst die Amerikaner spotten über Fiat, sagen, es wäre die Abkürzung für: Fix it again Toni. Ausgerechnet die Amerikaner. Als ob die Autos bauen könnten.

Weißes Huhn, schwarzes Huhn


Albaner sind eigenwillig. Über 400 Jahre haben die Osmanen das Land besetzt, dennoch blieb nicht viel von ihnen zurück. Und nicht nur, weil Hoxha alles abreißen ließ. Auch in den Köpfen blieb nichts. Sie sind vor allem das, was sie schon immer waren: Albaner.

Sie interessieren sich in erster Linie für sich selbst, sind aber nicht nationalistisch. Sie sind stolz auf ihre Vergangenheit, aber wenn man etwas darüber wissen will, fragt man besser einen Ausländer, denn die Albaner selbst gehen nicht sehr sorgfältig mit ihrer Historie um.

Selbst ihre Sprache klingt eigenwillig. Ich habe versucht mir was einzuprägen, aber viel habe ich nicht geschafft. Eigentlich nur: O Çuni (sprich: dschuni) und heißt so viel wie: He, Junge! Sagt man, wenn man hier einen (jungen) Kellner ruft. Jörg sagt, dass die Albanern mit vergleichsweise wenigen Worten auskommen. Als Ausländer kann ich das nicht beurteilen, aber da gibt es eine Sache, die mich ein bisschen fassungslos gemacht hat.

Jetzt ist Albanien ja ein ausgeprägter Küstenstaat, aber sie haben kein eigenes Wort für Möwe. Seit der offiziellen Reichsgründung vor gut 700 Jahren müsste sich eigentlich die eine oder andere Möwe nach Albanien verirrt haben. Jedenfalls Zeit genug, ihr einen eigenen Namen zu geben. Aber irgendwie haben die Albaner das nicht hingekriegt.

Ich stelle mir vor, wie die ersten Albaner an der Küste saßen und den Möwen beim Segeln zusahen. Und vielleicht hat einer gesagt: „Oh, was für ein hübscher Vogel!“
„Hm.“
„Wir sollten ihm einen Namen geben.“
„Hm.“
Pause.
Sie sehen den Möwen zu und denken über einen Namen nach. Plötzlich sagt einer: „Sieht aus wie ein weißes Huhn.“
„Hm.“
Pause.
Dann dreht sich der Clanchef um und fragt: „Wer ist für weißes Huhn?“

Seitdem heißen sie weiße Hühner. Und ihre Flügel heißen Arme. Ich frage mich gerade, was wäre wenn der amerikanische Romancier Richard Bach ein Albaner gewesen wäre? Wie hätte dann sein berühmtestes Buch geheißen: Das weiße Huhn Jonathan? Amüsanter Gedanke. Ein Huhn, das sich in ehrgeiziger Rekordjagd im Sturzflug ins Meer stürzt ...

Sind sie so, die Albaner? Eher praktisch veranlagt? Um nicht zu sagen: lethargisch? Dafür spräche einiges. Sie produzieren nichts selbst, lassen alles importieren. Auch das ist Grund für die dramatische Arbeitslosigkeit. Es ist, als ob sie sich nicht trauen würden, eigene Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Oder haben sie vielleicht einfach keine Lust? Sind sie auf dem Weg nach Europa, warten aber auf ein Taxi, dass sie dorthin bringt?

Wie gefällt ihnen dann folgende Geschichte. Eine wahre dazu. Die Albaner waren wohl das einzige Volk, das sich geweigert hat, Juden an Nazideutschland auszuliefern. Sie fanden das schlicht unanständig. Also haben sie es nicht gemacht. Das lässt das larmoyante Gewäsch der Alten, an den Deportationen eigentlich keine Schuld gehabt zu haben, weil die Gefahr für das eigene Leben so groß war, in einem ganz anderen Licht dastehen. War die Gefahr für die Albaner nicht dieselbe wie für alle anderen?

Ein Zufallstreffer? Nein. Vor gut zehn Jahren hat der damalige Staatspräsident Berisha sein Volk mit einem Pyramidenspiel ruiniert. Und damit meine ich: alle ruiniert. Es gab – ganz gegen die sonstige albanische Mentalität – Unruhen, worauf Berisha dem Militär den Befehl gab, auf das Volk zu schießen.

Das Militär jedoch verweigerte den Befehl. Hat man das schon mal gehört? Ein Militär, der einen Schießbefehl verweigert? Militärs verweigern nie Schießbefehle, wohl aber immer die Verantwortung danach. Ein beeindruckendes Volk. Wenn es darauf ankommt, wenn es wirklich wichtig ist, treffen sie die richtigen Entscheidungen. Obwohl ... sie haben Berisha wiedergewählt. Er ist schon wieder Staatspräsident. Nicht zu fassen.

War denn sonst keiner da? Oder verhält es sich wie mit der Möwe? Man müsste etwas Neues erfinden, um die Dinge zu ordnen. Man könnte es natürlich auch beim Alten belassen.

Wenn ja, dann wüsste ich einen Namen für ihren Präsidenten: schwarzes Huhn. Also, nur so ein Gedanke.

O Çuni!


Festnetzanschlüsse sind nicht sehr populär in Albanien. Jeder hat ein Handy. Auch die Ärmsten haben eines. Mindestens eines. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie viel ausgehen, die Albaner, sondern wie so oft vor allem praktische Gründe: keiner hat Lust, in einem Fahrstuhl stecken zu bleiben und dann ist da niemand, der einem hilft, denn Alarmknöpfe gibt es nicht.

Jetzt ist es so, dass Aufzüge in Albanien auch nicht schlechter gebaut werden als in Deutschland. Nur dass sie – wie alle Aufzüge – mit Strom betrieben werden. Und der wird in Albanien Stadtviertelweise abgeschaltet. Meist über Stunden. Jörg vermutet, dass es eine heimlich Liste der abzuschaltenden Stadtviertel gibt, und dass es Viertel gibt, die weniger häufig abgeschaltet werden. Vor allem da, wo Politiker wohnen. Aber grundsätzlich trifft es jeden. Und wenn du dann im Fahrstuhl sitzt, hast du nichts mehr zu lachen.

Das gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Landes, mit denen man leben muss. Eine andere ist der Verkehr. Zwei Sachen fallen auf. Erstens: es gibt eine auffallende Vielzahl von Mercedes Benz. Ich würde schätzen: jedes dritte Auto. Jörg sagt, vor fünf Jahren waren es sogar 90 Prozent aller Autos. Wie passt das nur zu der hohen Arbeitslosigkeit und der Armut, vor allem auf dem Land?

Die neuen, sehr teuren Mercedes lassen sich erklären: entweder Mafia oder reiche Familien. Die vielen anderen auch, wenn man erst mal die albanische Mentalität begriffen hat. Und das heißt: die meisten Mechaniker können nur Mercedes. Und wenn keiner da ist, der einen Ford oder einen Nissan reparieren kann, dann kauft man eben einen Mercedes. Wenn sie so wollen, finden sie das Prinzip Möwe überall.

Zweitens: stehen Autos an einer Kreuzung und wollen abbiegen, biegen grundsätzlich alle auf einmal ab. Man einigt sich dann im Scheitelpunkt der Kurve. Das erspart einem auch Verkehrsregeln. Ulkigerweise passieren dabei so gut wie nie Unfälle, denn jeder achtet auf den anderen und besteht auch nicht darauf, als erstes abzubiegen. Da aber niemand darauf besteht als erstes abzubiegen, fragt man sich, warum sie es dann alle gleichzeitig wollen ... aber, was soll´s, man muss nicht alles verstehen.

An der Uni in Elbasan begegnet mir ein junger Mann, der wie ein freundlicher Partisane aussieht und Gerd heißt. Ein deutscher Name im krassen Widerspruch zur dunklen Haut und dem welligem pechschwarzen Haar. Ich frage Jörg, ob er deutsche Vorfahren hat? Er schüttelt den Kopf und lächelt: „Gerd Müller war hier in den 70ern sehr populär. Die Albaner sind fußballverrückt. Es gibt hier auch ein paar Kinder, die Briegel heißen.“

Oh, Gott: Hans-Peter Briegel. Oder wie wir Fußballfachleute sagen: Die Walz aus der Pfalz. Der war hier Nationaltrainer. Das arme Schwein, dass jetzt seinen Namen tragen muss! Ich hoffe nur, dass es kein Mädchen ist ...

Aber, was sind die Albaner denn nun? Sie sind religiös, aber nicht fundamentalistisch. Sie sind schüchtern, aber selbstbewusst. Sie lieben Amerika, aber beklauen deren Präsidenten. Sie sind modern, aber da steht auch dieses Vendettahaus. Sie sind stolz, aber nicht nationalistisch. Sie haben einen Gauner zum Präsidenten, treffen aber, wenn es wirklich drauf ankommt, die richtigen Entscheidungen. Die Häuser sind verfallen, aber die Toiletten in jeder noch so kleinen Spelunke geradezu penibel sauber und gepflegt.

Ich habe mir ein T-Shirt mit dem Wappen der Albaner gekauft: einen Doppelkopfadler. Ich bin sicher, dass ich dann und wann darauf angesprochen werde, weil man mich für einen Eintracht Frankfurt Fan halten wird. Dann aber werde ich sagen: „O Çuni, das ist nicht Frankfurt. Das ist Albanien!“

Dienstag, 27. Mai 2008

Passen muss es.


„Wenn Frauen nicht sprechen, soll man sie keinesfalls unterbrechen.“ Einen solchen Satz, wie aus Stein gemeißelt, kann wohl nur Clint Eastwood von sich geben und wird dennoch von allen angehimmelt. Vermutlich hat er es ja auch nicht so gemeint. Wir alle wissen, dass es keine 30 Sekunden dauern würde, bis Mann annähme, dass die Gefährtin unter einer heimtückischen Krankheit litte, und fragte: „Liebes, ist dir nicht gut?“ – nur um dann zu hören: „Ich kann heute Abend nicht mit zur Party gehen. Ich habe kein passendes Kleid."

Bevor jemand vor Wiedererkennung schmunzelt oder gar lacht: Das ist ja wirklich keine schöne Sache, vor allem während einer Urlaubsreise, wo man nicht den gesamten Inhalt des Kleiderschranks mit sich führt; einige Stücke müssen ja immer zu Hause bleiben. Entweder hängt einem das Kleidungsstück wie ein Sack vom Leib – figurumschmeichelnd, wie der Fachmann sagt –, oder es sitzt so spack, dass man kaum Luft holen möchte, beziehungsweise kann.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Konfektion, die man schon länger besitzt, nie zu weit ist, sondern immer zu eng? Vermutlich hat das irgendwas mit diesen Kalorien zu tun, von denen man so oft hört. Und die wiederum sind Wärmeeinheiten, so dass wir vermuten dürfen: Die Verengung älterer Kleidungsstücke hat etwas mit Thermodynamik zu tun. Leider geben die Physiklehrbücher über die zu Grunde liegenden Naturgesetze keine befriedigende Auskunft. Nun ja, bis auf Marie Curie war ja auch keine Frau unter denen, die diese Dinge ausgearbeitet haben. Kein Wunder also, dass praktische Ableitungen der thermodynamischen Hauptsätze nicht existieren.

„Außerdem habe ich auch keine passenden Schuhe.“ Nun, bei genauem Hindenken kann das nicht verwundern. Wenn man kein passendes Kleidungsstück hat, gibt es ja nichts, wozu die Schuhe passen könnten. Und selbst wenn man die Farb- und Stilfrage außer Acht lässt, wird das Problem eher größer als kleiner. Wenn nämlich nur Schuhe im Regal stehen, die entweder eine Nummer zu groß oder eine Nummer zu klein sind, dann ist anmutiger Gang kaum möglich. Ich bewundere ja rückhaltlos jede Frau, die es schafft, auf Stilettos gerade zu stehen, ohne sich die Fußgelenke zu brechen – vom Gehen ganz zu schweigen. Und wenn die Dinger dann auch noch zu klein sind … oder gar zu groß?

Nun wollen wir nicht verschweigen, dass es natürlich auch möglich wäre, ohne Schuhe zur Party zu gehen. Aber überlegen Sie mal selbst: Bei dem Zeug, das die Leute, ihre Kinder und ihre Hunde heutzutage so alles auf dem Bürgersteig und in Nah- und Fernverkehrsmitteln abladen, ist das auch keine rechte Freude. Da erreicht man die Party, sieht einigermaßen gut aus (vorausgesetzt, man hat doch noch irgendeinen unscheinbaren Fummel im Gepäck gefunden), und dann sehen die baren Füße aus wie ein umgestülpter Horror-Mülleimer. Beklebt mit Kaugummis, gespickt mit Kanülen, triefend von Bierresten, paniert mit Zigarettenkippen; alles in Allem kein schöner Anblick.

Zusammenfassend kann man also durchaus feststellen, dass passende Sachen sehr hilfreich sind. Was nutzt es, wenn man sich 500.000 Euro für eine Maybach-Limousine zusammenspart, und dann ist die Garage um 2,20 Meter zu kurz?
Nein, nein, Passgenauigkeit ist schon wichtig. Das ist mir kürzlich noch einmal richtig klar geworden, als ich im Sportteil der Tageszeitung las: „Der dreimalige deutsche Meister im Springreiten, René Tebbel (39, Emsbüren), verzichtet auf die Titelverteidigung bei den deutschen Meisterschaften Anfang Juni, da er kein passendes Pferd hat.“

Ein weiser Mensch. Überlegen auch wir mal kurz: Wenn das Pferd zu breit ist, fällt man dauernd herunter, weil man sich mit den Beinen links und rechts nicht festhalten kann. Ist das Pferd zu schmal, hält man den gesamten Umlauf nur unter Pein durch, zumal als Mann. Ist das Pferd zu hoch, kann man nicht aufsteigen. Ist es zu niedrig, erreichen die Füße des Reiters den Boden und er muss selber springen und das Pferd dabei mit über den Oxer hieven. Ist das Pferd zu kurz, steht der Sattel hinten über und von Stabilität kann keine Rede mehr sein; ist das Pferd zu lang, passt es spätestens in der Dreierkombination nur noch quer zwischen die Hindernisse. Dann ist an einen ordnungsgemäßen Sprung überhaupt nicht zu denken.

Nein, nein, Herr Tebbel hat genau richtig entschieden. Das muss man sich nicht antun. Da haben die Damen schon Recht: Passen muss es.

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© Julius Moll

Freitag, 25. April 2008

Kanonenmeteorologen am Jangtsekiang



Während die Welt nach Tibet blickt und dabei die Stirn runzelt, während die Jugend der Welt ihre Körper stählt und gen Peking strebt, um Edelmetall und Ruhm zu ernten, plagen sich die dort ansässigen chinesischen Menschen mit ganz anderen Sorgen. Nein, damit ist nicht die Ausmerzung von Chinglish gemeint, dem bezaubernden Mischmasch aus Chinesisch und Englisch – als Beispiel sei hier ein Klassiker genannt, nämlich die Warnung vor dem glatten Untergrund: "Take care of your slip!"
Nein, nein, nicht nur um derartige Dinge geht es, sondern um wirklich ernste. Zumindest, wenn wir nach Luoyang blicken, einem Ort in der Provinz Henan. Dort leidet man unter der großen Zahl lästiger Fliegen, die noch größer ist als die Zahl der Chinesen. Und das will ja bekanntlich etwas heißen.
In Luoyang hat sich die örtliche Verwaltung entschlossen, das Problem anzupacken, indem sie ein Bürgerkomitee gewähren lässt. Dieses Komitee bietet jedem 5 Yuan, also rund 40 Cents, der zehn tote Fliegen vorweist. Seither ziehen Horden fliegenmordender Einwohner durch den Ort und versuchen, ihr Einkommen aufzubessern. Immerhin: In den ersten zwei Stunden der Kampagne musste das Komitee bereits eine deutliche Summe locker machen, denn mehr als 2000 Fliegenleichen wurden angeliefert, und das macht nach Adam Riese – oder hier besser: nach Liu Hui – mehr als 1000 Yuan. Aus der Ferne betrachtet stellt sich die Gesamtsituation für die Fliegenpopulation rund um Luoyang nicht sehr rosig dar.
Apropos aus der Ferne.
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich hege inzwischen eine kernige Abneigung gegen Kochsendungen im Fernsehen. Nicht etwa, weil ich sie langweilig oder schlecht gemacht fände; nein, sondern weil alle anderen diese organisierte Speisenvernichtung offenbar gut finden, während ich nicht verstehe, warum ich anderen Menschen beim Kochen oder gar beim Essen zusehen sollte.
Nun höre ich hin und wieder, dass man da etwas lernen kann und dass einem das im Leben hilft. Und damit kommen wir wieder nach China. In der Gegend von Cangxian stand eine Hausfrau am Herd, um das Abendessen zuzubereiten – und zwar ohne Fernsehkamera. Dabei wurde sie von einer Kanonenkugel verletzt.
Zurücklesen nutzt übrigens nichts. Da stand eben wirklich: Kanonenkugel. Wie es dazu kommen konnte? Ich meine: das mit dem Kochen unter Beschuss? Nun, sicher ist, dass die Kanonenkugel durch das Dach des kleinen Hauses in die Küche eindrang und die Frau am Bein verletzte. Wenn irgendwo in der Nähe ein Krieg ausgebrochen wäre, hätte man dieses Phänomen sicher schneller durchschaut. Aber Cangxian ist nicht Tibet – keine Schießereien weit und breit.
Verblüffenderweise wurden die Schuldigen recht flott gefunden: Eine Gruppe örtlicher Meteorologen. Ja, richtig: Meteorologen. Hier bei uns macht sich diese Berufsgruppe höchstens dadurch unbeliebt, dass sie so tut, als könne sie das Wetter vorhersagen. In Cangxian allerdings gingen die Wetterfrösche weiter: Sie feuerten aus Kanonen auf Wolken, um diese zu Abregnen zu bewegen.
Zugegeben: Das klingt zunächst ein wenig wirr. Nun haben Forscher allerdings kürzlich herausgefunden, dass entlang viel befahrener Schifffahrtsrouten sehr viel Schwefeldioxid in der Luft ist. Immerhin enthält Schiffstreibstoff 2700 mal so viel Schwefel wie Autobenzin. Dadurch kondensiert das Wasser anders; die Wolken können mehr und länger Wasser halten, aber wenn sie dann abregnen, gehts auf einen Schwung, so als würde man einen riesigen Wassereimer umkippen. Auch solche Wolken werden gerne mal durch die Erzeugung von künstlichen Kristallisationskeimen zum Abregnen gebracht, und zwar dann, wenn gerade keiner in der Nähe ist, der komplett nass werden könnte. Das funktioniert unter anderem auch dadurch, dass man Projektile in die Wolke feuert.
So weit, so gut. Aber was ist dann in China schief gelaufen? Vermutlich hat irgendein junger unerfahrener Ingenieur die Nerven verloren. Weil die Wetterkanone nahe dem Wohngebiet abgefeuert werden sollte, hatte der alte Meteorologenmeister eine Spezialkanone konstruieren lassen: Unten im Rohr gab es eine starke Feder, und wenn man die Kugel genau senkrecht nach oben abfeuerte, konnte sie nach der Aktivierung der Wolke wieder zurück ins Rohr fallen. Sie war damit geeignet zum Abfeuern in belebten Gebieten. Aber der junge Ingenieur, wie gesagt: Kurz vor dem Schuss befielen ihn nagende Zweifel – und ein ganz klein wenig Angst war auch dabei. Als niemand hinsah, tippte er mit dem Zeigefinger kurz an das senkrecht nach oben zeigende Rohr, um es ein wenig zu neigen und dafür zu sorgen, dass die Kugel möglichst weit von ihm entfernt einschlage. Wir kennen das Resultat bereits.
Vielleicht hätten sich die Meteorologen besser in Luoyang gemeldet und mit ihrer Kanone Fliegen totgeschossen. Dann hätten sie auch noch Geld dafür kassiert.

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© Julius Moll

Dienstag, 29. Januar 2008

Schmotzerig, fast schon tätschig



Zuweilen rutschen Informationen nach draußen, die so geheim sind, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Und wie wir aus jedem guten Agententhriller wissen, gibt es jede Menge Menschen, die geradezu alles tun würden, damit eine Sache nicht rauskommt. Menschen, die mit jedem erdenklichen Trick arbeiten: Komplizierte Verschlüsselungen machen jede Nachricht unlesbar, Chiffrierungen, die von wahnsinnig gewordenen Ex-Nobelpreisträgern für Mathematik ausgedacht wurden, Computer, so groß wie Öltanker, die ausschließlich Sackgassen und Desinformation produzieren, und dabei nur von Computern, so groß wie zwei Öltanker, kontrolliert werden können.

Ein tödliches Labyrinth der Verschwörung, ein blutige Pyramide der Lügen, eine vielstimmige Hölle der Verwirrung. Nur um von der Wahrheit abzulenken ... wie schön, dass dann doch alles rauskommt, nur weil einer einen Computer nicht bedienen kann.

Da stand doch letztens in einer Zeitung die komplette Abschrift eines megageheimen Abhörbandes der NASA, das beweist, wie knapp unser schöner Planet der totalen Vernichtung entgangen ist. Denn auch Außerirdische reisen zuweilen herum und behandeln fremde Planeten so, wie Babys ihre Windeln behandeln. Und weil echte Dartpilots einen aufklärerischen Auftrag haben, soll diese Abschrift den geneigten Leser aufrütteln: Wir sind nicht die einzigen, die sich im Ausland schlecht benehmen.

NASA-Offizier: „General Washington, Sir, ich bekomme gerade ein Signal rein, Sir!“
NASA-General: „Was ist es?“
NASA-Offizier: „Sir, ich habe keine Ahnung, Sir. Ich glaube, es sind Stimmen ...“
NASA-General: „Stimmen?! Wie ist das möglich?“
NASA-Offizier: „Sir, ich weiß nicht, Sir.“
NASA-General: „Spielen Sie es auf die Lautsprecher. Sofort!“
(Starkes Rauschen ist zu hören, dann werden die Stimmen deutlich)
Außerirdischer 1: „Sind die Schumbel getrimmt?“
Außerirdischer 2: „Ja, Herr.“
Außerirdischer 1: „Kartossen geflippert?"
Außerirdischer 2: „ Ja, Herr.“
Außerirdischer 1: „Zeit bis zur totalen Verplötterung?"
Außerirdischer 2: „Eine Minute, Herr.“
Außerirdischer 1: „Wo bleibt mein heißer Schubulla?"
Außerirdischer 2: „Der Viertelmaat ist schon in die Kantine gezöttelt.“
Außerirdischer 1: „Er soll schneller zötteln. Ohne heißen Schubulla kann man eine totale Verplötterung nicht genießen.“
Außerirdischer 2: „Hier kommt der heiße Schubulla. Heute besonders schmotzerig."
Außerirdischer 1: „Aaaah, schön schmotzerig, fast schon tätschig."
(Man hört lautes Schlürfen)
Außerirdischer 1: „Achtung: Flitscherkaschemme aufprözzeln. Ziel eintösseln. Feuern in drei, zwei ..."
Außerirdischer 2: „Herr? Die Flitscherkaschemme ..."
Außerirdischer 1: „Was ist mit der Flitscherkaschemme?"
Außerirdischer 2: „Nicht dabei, Herr."
Außerirdischer 1: „Keine Flitscherkaschemme?! Und wie sollen wir verplöttern ohne Flitscherkaschemme?"
Außerirdischer 2: „Wir könnten zurückplottern und die Flitscherkaschemme über Schwolldex hochquasten?"
(Ein lautes Krachen ist hören)
Außerirdischer 1: „Was war das?"
Außerirdischer 2: „Erdsatellit. Er hat unseren Pömbel geschranzt."
Außerirdischer 1: „Bravo. Hatten wir nicht die Schumbel getrimmt?"
Außerirdischer 2: „Schon. Aber mit getrimmten Schumbel können wir die Flitscherkaschemme nicht tösseln."
(Wieder ein lautes Krachen)
Außerirdischer 1: „Was zum Klamuffel...?!“
Außerirdischer 2: „Noch ein Erdsatellit. Der Pömbel ...“
Außerirdischer 1: „Was?“
Außerirdischer 2: „Weg.“
Außerirdischer 1: „SCHUMBEL TRIMMEN, SOFORT!“
Außerirdischer 2: „Und die totale Verplötterung?“
Außerirdischer 1: „WIR HABEN KEINE FLITSCHERKASCHEMME, DU ROTZWACKEL!
Außerirdischer 2: „Jawohl, Herr. Schumbel getrimmt ... Herr?“
Außerirdischer 1: „Was?!"
Außerirdischer 2: „Was ist mit dem Pömbel?“
Außerirdischer 1: „Was ist, wenn ich dir den Pömbel in Podex jödel?!
Außerirdischer 2: „Lieber nicht, Herr.“
Außerirdischer 1: „Kurs: Alpha Centauri.“
Außerirdischer 2: „Ja, Herr."
Außerirdischer 1: „Haben wir Knackdutt geprözzelt?“
Außerirdischer 2: „Ja, Herr.“
Außerirdischer 1: „Wenigstens etwas. Dann schrötern wir eben Alpha Centauri."
(Wieder starkes Rauschen, dann bricht der Funkkontakt ab.)
NASA-General: „Guter Gott!“
NASA-Offizier: „Sir, wir kriegen gerade eine Beschwerde von den Russen rein: Die vermissen einen Spionagesatelliten.“
NASA-General: „Schieben Sie es auf die Chinesen.“
NASA-Offizier:„Den Chinesen fehlt auch einer.“
NASA-General: „Na, bitte. Die mit ihrem Billigscheiß. Informieren Sie die CIA. Die sollen ihre Lügencomputer anschmeißen."
NASA-Offizier: „Ja, Sir.“
NASA-General: „Und noch etwas, Soldat!“
NASA-Offizier: „Sir?"
NASA-General: „Das hier ist nie passiert!“
NASA-Offizier: „Ja, Sir.“
NASA-General: „Mailen Sie mir die Datei und löschen Sie den Rest."
NASA-Offizier: „Ja, Sir."
NASA-General: „Sie haben meine Mail?"
NASA-Offizier: „Post@washington.com“
NASA-General: „Gut. Nicht mit der Zeitung verwechseln.
NASA-Offizier: „Nein, Sir, ich bin doch kein Idiot, Sir!“
NASA-General: „Amerika ist stolz auf Sie, mein Sohn.“
NASA-Offizier: „Danke, Sir."

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Wild Thing


„Wild thing, you make my heart sing!“
Aus dem Etablissement dröhnten die ersten Karaoketöne des Abends heraus auf die Terrasse. Dort saß ich mit Heinz, einem deutschen Ingenieur, der bei der NASA arbeitete. Deutsche Ingenieure bei der NASA: Das hatte ja irgendwie Tradition.
Ein wunderbarer Tag neigte sich seinem Ende zu. Zweiunddreißig Grad im Schatten, wenn denn überhaupt irgendwo Schatten gewesen wäre, dunkelblauer Himmel. Das Spaceshuttle war vor ein paar Stunden gestartet, und während Heinz und ich damit beschäftigt waren, den Inhalt eines Pitchers mit einem amerikanischen Bier-Imitat in uns hineinzuschütten, sahen wir dem NASA-Frachter zu, der die beiden abgebrannten Feststoffraketen der Atlantis nach Port Canaveral zurückbrachte. Wie gesagt: ein wunderbarer Tag.

Als sich im Inneren der Kneipe eine Damencombo an „Oops, I did it again!“ versuchte, machte Heinz den dringenden Vorschlag, dass wir uns an einen anderen, gemütlicheren Ort verholen sollten. Mitunter ging der Seglerjargon mit ihm durch, aber ich wusste, was er meinte. Also machten wir uns auf den Weg zu seinem alten Oldsmobile, und knapp zehn Minuten später erreichten wir einen Ort der Subkultur, wobei man hier jetzt nicht diskutieren muss, ob eine Subkultur das Vorhandensein einer Kultur zwingend voraussetzt.
Der nämliche Ort befand sich auf der anderen Seite des Hafenbeckens von Port Canaveral, dort, wo abends die Fischer mit ihrem Fang anlegten. Am Ende des Kais gab es neben einer alten Lagerhalle eine strohgedeckte Hütte, oder besser gesagt: eine überdachte Holztheke. Da tauchte am frühen Abend immer eine junge Dame auf, begleitet von mehreren Kühltaschen, gefüllt mit Bier- und Coladosen. Amerikanisches Kleinunternehmertum vom Feinsten. Und da sie ihrem Geschäft bei Wind und Wetter nachging, wussten die Seefahrer immer, wohin sie nach Dienstschluss gehen konnten, um das Meersalz von den Geschmacksknospen zu spülen.
Und wie das so ist: Wenn sich ein Unternehmen erfolgreich ansiedelt, folgen andere. Heinz dirigierte mich umgehend zu der Lagerhalle. An der Frontseite führte eine Holzstiege hinauf ins Obergeschoss. In einem Raum, in dem früher wohl der Hallenaufseher gehaust hatte, wurden gargekochte Meeresfrüchte offeriert. Heinz orderte mehrere Portionen Krebsfleisch, randomisiert angeordnet auf Papptellern. Als Stammgast wusste Heinz, wie man weiter vorging: Er ging zu einem der roh gezimmerten Holztische, rollte einen Meter Papier von einer bereitliegenden Resterolle ab und verwandelte ihn in die Illusion einer Damasttischdecke. Und kurz darauf erwies sich auch meine Unsicherheit bezüglich fehlenden Essbestecks als unbegründet: An jedem der Tische hingen kleine Holzhämmer an Sisalfäden. Heinz griff sich einen und begann, die Krustentierteile in genießbare Einheiten zu zertrümmern. Der Geschmack passte überhaupt nicht zum Ambiente: Er war grandios! Selten habe ich besseres Krebsfleisch gegessen.

Getränke gab es allerdings nicht. Die gab es unten am Unterstand. Dort waren inzwischen einige Boote eingelaufen, und es begann der Wettbewerb „Wer hat den längsten … äh … Fisch?“ Dazu stellten sich die stolzen Seefahrer mit ihrer Beute neben einer Messlatte auf, und die umtriebige Wirtin schoss Aufnahmen mit einer Digitalkamera.
Heinz bestellte zwei Dosen Bier. Neben uns waren ein paar Männer damit beschäftigt, einen kleinen Eisenring an einem Pendel so in Bewegung zu setzen, dass er einen Nagel in einem Holzbalken traf. Wer es schaffte, kriegte eine Dose Bier.
Einer der Männer hatte ein größeres Bündel tote Fische neben sich liegen, alle so zwischen 30 und 40 Zentimeter groß. Als er mit dem Eisenring auf den Nagel zielte, sagte Heinz: ”Dein Abendessen?“ und deutete auf die Fische.
Käpten Ahab stutzte kurz. „Witzbold! Die fresse ich zum Bier.“
„Was denn, roh?“
Irgendwie gefiel mir das Leuchten in Heinz’ Augen nicht so recht.
„Na klar, roh! Wie denn sonst?“ lachte Ahab.
„Glaub ich nicht.“
Mir stockte der Atem. Die Jungs hier sahen nicht so aus, als seien sie ausschließlich zu Späßen aufgelegt.
Ahab ließ den Arm mit dem Eisenring langsam sinken und musterte Heinz mit dem Blick einer hungrigen Aspisviper. „Wie war das?“
„Glaub ich nicht“, wiederholte Heinz. Ihn schien die Situation nicht zu beunruhigen.
„Fünf Dollar, und ich zeig dir, wie ich die Viecher immer fresse!"
Mit einem kurzen Knall pfefferte Heinz einen Fünf-Dollar-Schein auf die Holztheke. Weiß der Kuckuck, wo er den so schnell hergeholt hatte.
Ahab wunderte sich darüber keine Sekunde lang. Er ließ den Ring fahren, griff sich einen der Fische und biss ihm nachdrücklich den Kopf ab. Nachdem er zwei bis drei Mal gekaut hatte, sah er Heinz triumphierend an. Und nicht nur er. Zwischen seinen Lippen hingen die beiden Fischaugen heraus und glotzten Heinz ebenfalls an.
Der grinste. „Nicht schlecht.“
„Noch mal fünf Dollar, und ich schluck’s runter“, bot Ahab mühsam artikulierend an.
Heinz brauchte fünf Millisekunden, um den zweiten Schein auf die Theke zu hauen.
Ahab begann das abstruse Werk.
Währenddessen sagte einer seiner Kumpane: „Wenn du mir auch fünf Dollar gibst, hau ich ihm eine auf die Schnauze, damit er schneller schluckt.“
Er hatte den Satz noch nicht beendet, da lag der Schein schon bereit. Und ebenso schnell kam Ahab in den Genuss der essunterstützenden Maßnahme.
Jemand anderes sagte: „Die Idioten sollte mal jemand zur Ordnung rufen!“ – und zack! lag der nächste Schein auf dem Tisch.
Fünf Minuten später war Heinz weitere acht Scheine los und die Szenerie glich dem Vorhof zur Hölle. Heinz zog mich am Ärmel hinter sich her zum Auto. Als er Gas gab, sagte er: „An dem Punkt sollte man besser gehen, da wird es ungemütlich.“
Ich war fassungslos. „Woher weißt du das?“
„Mach ich einmal die Woche. Ist doch lustig, oder?“
Ermattet sank ich im Beifahrersitz zusammen. Fünf Dollar! Da fragte man sich, wieso sich der amerikanische Verteidigungsetat der Billionengrenze näherte, wenn man mit Fünf-Dollar-Portiönchen ganze Gesellschaftsstrukturen destabilisieren konnte.
Als wir zur Karaoke-Bar zurückkehrten, intonierte ein Jungmännerchor gerade „Money for nothing“ von den Dire Straits. Das konnte ja noch heiter werden heute Abend.

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©2007 Julius Moll

Montag, 17. Dezember 2007

Betriebsausflug


Als sich meine Gemahlin das Wadenbein brach, hatte ich gleich so ein merkwürdiges Gefühl. So, als ob das nur der Anfang von irgendetwas wäre, was ich noch nicht durchschaute. Dieses Gefühl verdichtete sich zur Ahnung, als ich zwei Tage später ins Wohnzimmer trat und Gesine zum Telefonhörer sagen hörte: „Oh, Herr Schneider, das ist aber nett von Ihnen! Schön, dass Sie das einrichten konnten. Mein Mann wird sich sehr freuen.“ Allein die Tatsache, dass ich noch nicht wusste, worauf ich mich freuen würde, legte das Gegenteil nahe.
„Worauf werde ich mich freuen?“
„Stell dir vor, Herr Schneider hat meine Buchung für die Krimi-Reise auf dich überschrieben und auch noch einen freien Platz für nächstes Wochenende gefunden. Ist das nicht toll? Du magst doch Krimis auch.“
Nun, was soll ich sagen? Hin und wieder lese ich mal einen Krimi, allerdings nicht diese skandinavisch-depressiven Sozialdramen, in denen der Ermittler selbst mit mindestens einem Bein im Knast oder in der Klapsmühle steht und wenigstens zwei uneheliche Kinder hat, von denen eines an der Spritze hängt und das andere von einem Selbstmordversuch zum nächsten hastet. Nein, eher einfach gestrickte Thriller, in denen die Weltherrschaft auf dem Spiel steht und der Held außer seinem Job nur Frauen, Autos und Martinis mit Oliven im Kopf hat. Und nun das!
Gesine hatte sich von einer Freundin belatschern lassen, an einer Krimireise in die Eifel teilzunehmen. Dort veranstaltete jemand Gruppenfahndungen nach einem Mörder, so richtig mit Tatortbegehungen, Indiziensammeln und Beweisauswertungen. Eigentlich wollte Gesine an diesem Wochenende fahren, aber die Verletzung hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt musste ich das auslöffeln.
„Aber …“
„Nichts aber! Das ist wahnsinnig nett von Herrn Schneider, dass er so kurzfristig etwas tun konnte. Schließlich hab ich schon bezahlt. Und du kannst mir ja alles haarklein erzählen.“
Genau das hatte ich befürchtet. Haarklein erzählen hieß: Haarklein aufpassen, damit mir nichts entging. Gesine hatte inzwischen eine gewisse Routine im Aufdecken von Ungereimtheiten. Dreckskrimis! Und dass ich diesen Herrn Schneider bereits jetzt abgrundtief hasste, brauche ich wohl nicht besonders betonen.

Die Krimigemeinde wohnte in einer Pension am Rande des kleinen Eifelstädtchens. Herr Schneider empfing mich überschwänglich und beeilte sich zu versichern, dass er größtes Verständnis dafür habe, wenn man wegen einer so gravierenden Verletzung seine Veranstaltung absagen müsse. Und dass es ein reiner Glücksfall sei, dass es an diesem Wochenende einen freien Platz gebe. Bei den anderen elf Gästen handele es sich um eine Gruppe, eine Art Betriebsausflug wohl, aber die Herren hätten sicher nichts dagegen, wenn ich den freien Platz einnähme.
Während ich mir Gedanken darüber machte, dass eine Gruppe Herren ein solches Arrangement buchte, wo doch über siebzig Prozent der Krimileser weiblich sind, lief ich auf dem Weg zum gemeinsamen Frühstück gleich einem der Krimiliebhaber über den Weg. Er hieß Luigi Caroni und erinnerte mich an einige der Charaktere, die ich aus meinen Thrillern kannte.
„Hengstenberg“, sagte ich. „Sehr erfreut.“
„Ah, Sie sind bestimmt der Signor, von dem Signor Schneider sprach, oder?“ Sein italienischer Akzent war unüberhörbar.
„Ja, vermutlich.“
Während er sprach, spielte er mit der linken Hand mit irgendeinem Gegenstand in der Sakkotasche seines schwarzen Anzugs. Irgendwo hatte ich das Geräusch schon mal gehört, aber ich kam nicht darauf, wo. War ja auch egal. Vermutlich war es ein Schlüsselbund.
Die anderen Herren sahen so ähnlich aus wie Herr Caroni. Außerdem hießen sie auch so ähnlich. Für einen Moment kam mir der Gedanke, dass sie zu der Inszenierung gehörten, die Herr Schneider hier aufzuführen gedachte. Aber dann trat der nämliche Herr zusammen mit seiner Assistentin in den Frühstücksraum und begrüßte die Anwesenden als Gäste, womit meine Theorie gleich wieder zusammenbrach.
„Ich freue mich sehr, dass Sie uns hier besuchen, um gemeinsam einen Kriminalfall zu lösen.“
Einige der Herren begannen zu tuscheln, und Herr Caroni, der neben mir saß, beugte sich vertraulich zu mir herüber: „Hat sehr viel Humor, il Signor Schneider, finden Sie nicht?“
„Äh, doch, doch“, erwiderte ich eilig, obwohl mir nicht so recht klar war, wie Herr Caroni dies auf Grund des geäußerten Satzes vermutete. Allerdings schien man gegenüber am Tisch eine ähnliche Meinung zu haben, denn dort grinsten zwei Kollegen vor sich hin, während sich der eine mit einem Klappmesser die Fingernägel reinigte. Jetzt fiel mir auch wieder ein, wo ich das Geräusch aus Herrn Caronis Jackentasche schon gehört hatte: In diesem Film mit Bruce Willis, in dem er einen Auftragskiller spielt und immer mit einem Schmetterlingsmesser herumfuchtelt. Langsam gab mir die Gesamtsituation zu denken.

„Wir werden an diesem Wochenende einen Mörder suchen und der Tat überführen“, erklärte Herr Schneider soeben. Ein Raunen ging um den Tisch, und elf misstrauische Augenpaare blickten unter gerunzelten Stirnen auf den Gastgeber. Mein Augenpaar hing an Herrn Caronis Lippen, die leise sagten: „Ein mutiger Mann, der Signor Schneider.“
„Ein Mord ist geschehen!“ verkündete Herr Schneider theatralisch. „Wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, werden wir gemeinsam zum Tatort fahren und uns die Leiche näher ansehen. Vielleicht finden wir einige erste Hinweise auf den möglichen Täter.“
Luigi schlug zwei, drei Mal energisch mit seinem Siegelring gegen die Kaffeetasse. „Ich habe eine Frage, Signor Schneider. Wird die Polizei auch dort sein?“
„Äh, nein, nein, Herr Caroni, äh, wir sind ja die Polizei, gewissermaßen.“
Am Tisch brach Heiterkeit aus.
Irritiert fuhr Herr Schneider mit seiner Einführung fort. „Ja, das ist durchaus amüsant, nicht wahr? Nun ja, also, wenn wir den Tatort besichtigt und eventuelle Spuren gesichert haben, werden wir im Dorf einige Zeugen vernehmen können, um weitere Hinweise zu sammeln.“
Die heitere Stimmung verflog schlagartig. Auf der anderen Tischseite unterbrach man die Messermaniküre.
„Welche Zeugen?“ fragte Herr Caroni.
„Nun, in jedem Mordfall gibt es eine Reihe von Leuten, die sachdienliche Hinweise geben können.“ Herr Schneider hatte die Veranstaltung offensichtlich bis ins Detail vorbereitet.
„Aber wir werden sehen … Und bevor jetzt alle ungeduldig werden, schlage ich vor, wir begeben uns zum Tatort.“

Draußen warteten zwei Kleinbusse. Herr Schneider fuhr den einen, den anderen ein Herr Großkurth aus dem Dorf. Zehn Minuten später trafen wir in der Nähe des „Tatorts“ ein. Herr Schneider lotste uns einige Minuten auf einem Trampelpfad durchs Unterholz. Dann erreichten wir eine Lichtung, auf der ein alter PKW stand. Er war ausgebrannt, und es roch deutlich nach verkohlten Türdichtungen und geschmolzenem Armaturenbrett.
Herr Schneider schien irritiert. „Das verstehe ich nicht“, sagte er halblaut.
„Stimmt was nicht?“ fragte ich, Interesse heuchelnd.
„Der Wagen ist abgebrannt!“ Herr Schneider schien um Fassung zu ringen.
„Das ist nicht zu übersehen. Aber ich denke, das ist Ihr Tatort?“
„Das ist er auch. Aber der Wagen ist abgebrannt. Das … das war nicht geplant."
Ich warf einen Blick ins Innere, beziehungsweise in das, was vom Inneren übrig war. Für die „Leiche" brauchte man einen verdammt guten Gerichtsmediziner.
„Fingerabdrücke werden wir an der Leiche jedenfalls nicht finden“, scherzte ich mutig.
Herr Schneider blickte mich an wie eine Kuh, die man soeben in den Fleischtransporter zum Schlachthof eingesperrt hatte. Dann ruckte sein Blick herum zum Wrack. „Eine … eine Leiche. Da sitzt eine Leiche.“
Langsam machte mich der Mann verrückt. Erst inszenierte er hier einen Tatort und dann stammelte er herum.
„Da sitzt eine Leiche“, wiederholte er ungläubig.
„Mensch, Schneider, das sehen hier alle! Hören Sie doch mal auf zu stottern!“
Erschrocken blickte er mich an. ”Wer ist denn das da bloß?“
„Sie meinen, der da im Auto?“
Während er wortlos nickte, begann ich langsam zu begreifen, wo hier der Fehler lag. „Sie haben die Puppe da gar nicht hineingesetzt?“
Er schüttelte verzweifelt den Kopf, und wenn man sich das verkohlte Etwas auf dem Fahrersitzrest genauer besah, wurde die Verzweiflung verständlich. Es war keine Puppe.

Herr Caroni und seine Kollegen waren unterdessen recht guter Dinge und feixten herum. „Gefroren hat er sicher nicht“, sagte der mit dem Manikürestilett und grinste.
„Wahrscheinlich ein Raucher”, fügte sein Kumpel hinzu.
„Man soll eben beim Fahren nicht einpennen, vor allem nicht, wenn man dabei auch noch raucht“, gab ein dritter zum Besten.
Herr Caroni trat näher. „Nun, Signor Schneider, wie können wir jetzt … äh … Hinweise auf den Täter finden? Ist nix mehr übrig!?“
Schneider brachte immer noch kein Wort heraus.
„Vielleicht sollten wir zunächst die Zeugen fragen“, schlug Herr Caroni vor. „Sagten Sie nicht, da wären Zeugen?“
„Wir … wir müssen die Polizei rufen“, sagte Herr Schneider.
”No, no, no! Keine Polizia!" erwiderte Herr Caroni und drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger. “Wir sind doch die Polizei, haben Sie gesagt. Das genügt doch.“
Schneider hob langsam den Arm und deutete ins Auto. „Aber da ist eine Leiche!“
„Bene, aber es ist ja auch ein Tatort“, stelle Herr Caroni zufrieden fest. „Da sind oft Leichen, glauben Sie mir. Ich kenne mich da aus.“
Er erntete einen entgeisterten Blick.
„Aber …“
„Nix aber. Vertrauen Sie mir! Leichen kommen manchmal vor. Was machen wir also?“ Er drehte sich zu seinen Kollegen um. „Entdeckt jemand von Euch einen Hinweis?“ fragte er.
Der Maniküreprofi schürzte die Unterlippe: „Das war ein Volkswagen.“
"Idiot!" herrschte ihn Herr Caroni an. „Wie willst du das erkennen? Wen interessiert das? Halt den Mund und mach dir die Finger weiter sauber!" Er sah wieder zu Schneider. „Dann können wir wohl wieder fahren?“
Bei Herrn Schneider schien sich die Auffassung durchzusetzen, dass alles andere besser war als hier zu bleiben. Er nickte schwach.
Fünf Minuten später erreichten wir die Kleinbusse und hatten ein weiteres Problem: Herr Großkurth fehlte. Schneider sah erst seine Assistentin und dann mich hilflos an. Helfen konnten wir ihm aber auch nicht. Herr Großkurth fehlte weiterhin.
“Wo ist der Fahrer von Bus 2?" fragte Herr Caroni.
Schneider hob kraftlos die Schultern, aber Caronis Krimigruppe schien leicht erheitert.
„Ein elender Schwätzer“, antwortete einer der Herren namens Lombardi. „Hat während der ganzen Fahrt geredet und gefragt. Das mag ich nicht.“
„Was hast du mit ihm gemacht, Idiot? Wo ist er?" zischte Herr Caroni.
Lombardi grinste und sah in die Runde. „Das verrat ich nicht. Hier soll doch gerätselt werden.“
Neben mir fiel Herr Schneider in Ohnmacht, während einer der Krimifreunde die Assistentin einfing, die sich zur Flucht entschlossen hatte.
Caroni sah mich an. „Na, Signor Hengstenberg, wissen Sie, wo der Fahrer ist?"
Nun hatte ich so viele Thriller gelesen, dass mir die Antwort sofort parat lag.
„Welcher Fahrer?“
Caroni lächelte mich an und nickte langsam. „Ein guter Mann“, sagte er dann und tätschelte mir lobend den Oberarm. „Sehr guter Mann!“
Was soll ich sagen: Irgendwie fiel mir ein Stein vom Herzen und direkt in Herrn Caronis Brett. Aus irgendeinem Grund schien er mich zu mögen.
Eine Viertelstunde später waren wir auf dem Rückweg ins Dorf. Der vermeintlich bewusstlose Herr Schneider war auf eine der Sitzbänke verfrachtet worden und setzte während der Fahrt heimlich eine SMS ab. Wir hatten sein Haus soeben erreicht, da trafen auch schon bewaffnete Polizeikräfte ein. Glücklicherweise tat das Herrn Caronis zarten Gefühlen keinen Abbruch, denn er deutete auf den Hof hinaus, wo mein Auto stand. „Machen Sie, dass Sie wegkommen, Signor Hengstenberg. Das hier ist nichts für Sie. Va’, va’!“
Als ich auf der Autobahn war, beschlich mich das verrückte Gefühl, dass Herr Schneider ein geradezu perfektes Krimiwochenende arrangiert hatte, von der Realität quasi nicht zu unterscheiden. Vielleicht hatte ich ihm einfach Unrecht getan.
Kurz vor Abend war ich zu Hause.
„Wie war’s?“ fragte Gesine aufgeregt. „Erzähl doch! Wie waren die anderen Leute?“
„Sehr nett. Eine Gruppe Mafiakiller, die eine Leiche loswerden wollten. Nein, warte, es waren zwei Leichen. Es gab ein ziemliches Durcheinander, das in eine Schießerei mit der Dorfpolizei mündete. Dabei konnte ich entkommen und jetzt bin ich wieder hier.“
„Warum musst du immer so sarkastisch sein? Kannst du nicht einfach normal erzählen, wie es war? Und behandle mich nicht immer wie eine Idiotin, bloß weil dir mal wieder irgendwas nicht in den Kram gepasst hat!“
Na, das konnte ja noch heiter werden. Hatte ich mir eigentlich Herrn Caronis Handynummer notiert?

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©2007 Kölnisch-Preußische Lektoratsanstalt

Mittwoch, 21. November 2007

Westfalenbrauen


Neulich las ich in der Zeitung von einem wirklich schrägen Fall irgendwo in einem Dörfchen im tiefsten Westfalen. Es ging um Liebe, Sex und Leidenschaften, was man in Westfalen gar nicht vermuten würde, und um Pfannkuchen, Tresorknacker und einen sehr alten Teppich, in dem ein unglücklicher Ehemann eine ziemlich unfreiwillige Reise gemacht hat.

Aber der Reihe nach. Ich lese also von einer gewissen Justine, einer durchschnittlichen Hausfrau in einem durchschnittlichen Haus, mit durchschnittlichen Kindern, einem durchschnittlichen Garten und einer durchschnittlich gut funktionierenden Ehe. Bis Franz-Otto in ihr Leben tritt.

Da ist es vorbei mit Justines Durchschnittlichkeit, und sie entflammt derart für Franz-Otto, dass sie bereit ist, alles stehen und liegen zu lassen, um mit ihm durchzubrennen. Franz-Otto, ein Freund der Familie, empfindet nicht minder viel für Justine, doch da ist Eugen, Justines Ehemann und Franz-Ottos Freund. Und der ist dummerweise überdurchschnittlich wertkonservativ: eine Scheidung käme für ihn gar nicht in Frage.

Justine, jetzt vor lauter Lust ganz von Sinnen, schmiedet einen teuflischen Plan: Sie will ihren Mann vergiften. Und so beschließt sie, Eugen eine Freude zu machen und ihm sein Lieblingsessen zu bereiten: Pfannkuchen. Doch dieser Pfannkuchen hat es in sich: Ein starkes Beruhigungsmittel soll Eugen das Lebenslichtlein auspusten.

Doch Eugen ist viel zäher, als Justine es für möglich gehalten hätte: Der wuchtige, über 100 Kilo schwere Stahlarbeiter wird gerade mal etwas schläfrig von dem Pfannkuchen, was Justine geradezu verzweifeln lässt. Ratlos benachrichtigt sie ihren Liebhaber Franz-Otto. Wie der Zufall so spielt, schaut der nach dem Essen herein und lädt Eugen zu einer Spazierfahrt ein. Wäre Eugen Mafioso gewesen, hätten hier spätestens die Alarmglocken schrillen müssen, aber Eugen ist Westfale, und so eine Spazierfahrt durch das schöne Westfalen nach einem fetten Mahl ... das hat doch was.

Vom schönen Westfallen sieht Eugen jedoch nicht viel: In einer stillen Ecke erschießt ihn sein Freund Franz-Otto. Da der nicht so recht weiß, wo er die Leiche verschwinden lassen soll, rollt er sie in einen alten Teppich und verstaut sie im Lieferwagen eines Freundes. Am nächsten Tag will er Eugen dann in aller Ruhe verschwinden lassen.

Als Franz-Otto den Transporter am nächsten Morgen aufsucht, trifft ihn fast der Schlag: Die Kiste ist weg. Was uns zu einer Bande rumänischer Panzerknacker bringt, die mit dem Transporter einige Tage durch die Gegend kutschieren, ohne zu wissen, dass in dem alten Teppich der tote Eugen eingewickelt ist.

Im Nachbarort steigen die Diebe in die örtliche Post ein, klauen den Tresor und fahren damit zu einem einsam gelegenen Sportheim, um ihn dort in aller Ruhe aufzuschweißen. Der Transporter nebst Teppich und Leiche bleiben zurück.

Für die örtliche Polizei, die den Transporter und den aufgeschweißten Tresor finden, eine klare Sache: Einbruch mit einem geklauten Auto. Also Wagen sicherstellen und ab ins Wochenende: Die Spurensicherung erledigt den Rest. Am Montag, versteht sich. Der Stress frisst einen ja sonst auf.

Justine indessen meldet ihren Mann als vermisst, und bekommt Montag morgen prompt einen Anruf. Ihr Mann ist aufgetaucht, unglücklicherweise nicht mehr am Leben ... eingerollt in einen Teppich ... gefunden in einem Lieferwagen ... in der Polizeigarage.

Eugen wird endlich ordnungsgemäß beerdigt. Doch diesmal geht die Polizei nicht ins Wochenende und kommt dem Liebespaar rasch auf die Schliche: Franz-Otto hält dem Druck nicht Stand und gesteht. Und Justine gleich mit. Gerüchteweise haben Franz-Ottos Augenbrauen die Kripo auf die Spur gebracht. Der hatte seinen Opel, in dem er Eugen erschossen hatte, in Brand gesteckt, um Spuren zu verwischen. Und dabei ein bisschen nahe dran gestanden.